Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2001 Heft 4 (4)

27.  Jahrgang (200 1 ) ,  Heft 4 
Die brasilianische Krise aus der 
Perspektive der 
Regulationstheorie 
Rezension von: Andreas Novy, Brasilien: 
Die Unordnung der Peripherie, Promedia 
Verlag, Wien 2001 ,  364 Seiten, öS 350. 
Der Autor, außerordentlicher Universi­
tätsprofessor am Institut für Wirtschafts­
geographie der Wirtschaftsuniversität 
Wien, hat sich für den vorliegenden 
Band, seine Habilitationsschrift, das am­
bitionierte Ziel gesetzt, eine Reinterpre­
tation der politischen und ökonomischen 
Geschichte Brasiliens vorzunehmen, 
"um aktuelle Brüche und Kontinuitäten, 
Krisen und Stabilisierungen besser zu 
verstehen" (S. 71 ) .  
Die Ansätze, die Novy bei diesem Ver­
such der Neuinterpretation verwendet, 
sind einerseits jene der CEPAL 1 und 
des berühmten brasilianischen Ökono­
men und Wirtschaftshistorikers Celso 
Furtado,2 der in der analytischen Traditi­
on ersterer steht, und andererseits der 
französischen Regulationstheorie. Furta­
do sieht Entwicklungsschübe und Krisen 
in der Wirtschaftsgeschichte Brasiliens 
vor allem als Resultat geänderter Einbin­
dungen in die Weltwirtschaft. Die Einsei­
tigkeit dieses Zugangs, die den internen 
polit-ökonomischen Prozessen zu wenig 
Bedeutung beimißt, veranlaßt Novy 
dazu, für seinen analytischen Ansatz 
auch die Re?ulationstheorie heranzuzie­
hen. Deren Uberlegungen gelten in erster 
Linie diesen internen Strukturen und Pro­
zessen. 
Kernkonzepte der Regulationstheorie 
sind ,Akkumulationsregime' und ,Regu­
lationsweise' . Aglietta3 unterscheidet 
zwei idealtypische Akkumulationsre­
gimes: Das dominant extensive Akku­
mulationsregime zeichnet sich durch 
soziale und räumliche Expansion des 
Wirtschaft und Gesellschaft 
Kapitalismus aus. Das dominant intensi­
ve Akkumulationsregime ist nach innen 
orientiert, charakterisiert durch nachhal­
tig hohe Steigerungsraten der Produktivi­
tät infolge des technischen und organi­
satorischen Fortschritts , in räumlicher 
Hinsicht durch die Intensivierung der 
räumlichen Nutzungen und einen massi­
ven Urbanisierungsprozeß. ln der Reali­
tät handelt es sich jeweils um bestimm­
te Kombinationen dieser beiden Idealty­
pen. 
Eine Regulationsweise läßt sich defi­
nieren als eine Verknüpfung von explizi­
ten Regeln und sozialen Normen. An der 
gesellschaftl ichen Regulation, einem 
komplexen Prozeß der Stabilisierung 
von Handlungsmustern, ist eine Vielzahl 
von Akteuren beteiligt, und sie spiegelt 
die jeweiligen Machtverhältnisse wider. 
Die staatliche Regulierung durch Verfas­
sung, Gesetze und Verordnungen bildet 
bloß einen Teilbereich der Regulation. 
Prägend für eine bestimmte Regulati­
onsweise sind die konkreten Regulati­
onsformen in vier wesentlichen Berei­
chen: Staat, Lohn-, Geld- und Konkur­
renzverhältnis. 
Stabil ität wird gemäß Regulations­
theorie durch die Vereinbarkeit des jewei­
ligen konkreten Akkumulationsregimes 
mit der jeweiligen Regulationsweise er­
reicht. Krisen resultieren demgemäß 
aus Brüchen in Akkumulation und/oder 
Regulation,  welche zu Unvereinbarkeiten 
zwischen der bestehenden Regulations­
weise und dem betreffenden Akkumula­
tionsregime führen. 
Für seine Analyse der polit-ökonomi­
schen Entwicklung Brasiliens wählt Novy 
eine Periodisierung, die sich von der tra­
ditionellen in einigen Punkten unter­
scheidet: 
);> Die Phase von der Entdeckung durch 
die Portugiesen im Jahre 1 500 bis zur 
Unabhängigkeit 1 822 war gekenn­
zeichnet durch sklavereibasierte Ak­
kumulation und koloniale Regulation. 
);> Von 1822 bis zum Einbruch der Welt­
wirtschaftskrise 1 929 bzw. dem 
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