Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

28.  Jahrgang (2002), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 
BÜCHER 
Über den Wohlfahrtsstaat des 21. Jahrhunderts 
Rezension von: Niebolas Barr, The Welfare State as Piggy Bank. Information, Risk, 
Uncertainty, and the Role of the State, Oxford University Press, Oxford 200 1 ,  295 
Seiten, € 33 ,95 (gebundene Ausgabe). 
"Der Wohlfahrtsstaatwird bestehen bleiben, und das aus einem einfachen Grund: 
Die theoretischen Argumente, die seine Existenz erklären, bleiben gültig." Zu diesem 
Schluss kommt Nicholas Barr, Professor an der London School of Economics, in 
seinem jüngsten Buch (S. 270). Sein Urteil stützt er auf Erkenntnisse der mikroöko­
nomischen Informations-, Risiko- und Unsicherheitstheorien. Im Unterschied zum 
Mainstream bezieht er jedoch in seine Argumentation makroökonomische Bedin­
gungen ein und hält staatliche Regelungen auf den Finanzmärkten für unverzichtbar, 
der Staat ist endogener Bestandteil von Marktwirtschaften. Die theoretische Argu­
mentation wird schwerpunktmäßig auf die herkömmlichen sozialpolitischen Arbeits­
felder der Vorsorge bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, im Alter sowie der Organisation 
und Finanzierung der Aus- und Weiterbildung angewendet. Darüber hinaus werden 
"Probleme des 21 . Jahrhunderts" erörtert: ( 1 )  Das demografische Problem der Al­
terung, das sich (2) durch die Zunahme der Dauerpflegefälle akzentuiert; (3) die 
Folgen des technischen Fortschrittes am Beispiel von genetischer Diagnostik; (4) 
die Auswirkungen und Anforderungen, die sich für die postkommunistischen Län­
der aus dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft ergeben und (5) aus der 
"Giobalisierung" für die sozialstaatliehen Sicherungssysteme resultieren. Der Autor 
belegt seine theoretischen Argumente an Hand von zahlreichen Länderbeispielen, 
zu denen er als Konsulent der Weltbank leichten Zugriff hat. Er schließt seine Über­
legungen jeweils mit einer Erörterung der politischen Optionen, die unter Gesichts­
punkten der Gerechtigkeit und Effizienz zur Verfügung stehen. Wie nicht anders zu 
erwarten, hält er nur mehr oder weniger "unvollkommene Lösungen" für realisierbar. 
Jede dieser, will sie gerecht und effizient sein, wird, so Barr, wesentliche sozialstaat­
liehe Elemente aufweisen. 
Der Nachweis dafür ist dem Autor auf so vorzügliche und innovative Weise ge­
glückt, dass diese Rezension auf ein Plädoyer für dessen Lektüre hinausläuft. Die­
se selbst kann je nach Interesse des Lesers unterschiedlich ausführlich ausfallen, 
lässt sich nach dem Erkenntnisinteresse unterschiedlich empfehlen. Theoretiker und 
Praktiker der Sozialpolitik werden mit Gewinn das ganze Buch lesen. Der Spezia­
list kann sich auf die Kapitel, die in die Problematik theoretisch einführen sowie sein 
jeweiliges Fachgebiet beschränken. Im Folgenden wähle ich einige der Argumente 
aus, die für die gegenwärtige intellektuelle und politische Auseinandersetzung be­
sonders wichtig sind. 
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