Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 
halte als Handlungszusammenhänge 
analysiert werden. Das bedeutet einer­
seits, dass jede soziologische Erklärung 
auf d ie Intentionen und Motive der Ak­
teure Bezug nehmen muss. Für Balog ist 
es in d iesem Zusammenhang unzuläs­
sig, nur bestimmte Motive - etwa jenes 
der Nutzenorientierung oder bestimmte 
moralische Überzeugungen - gelten zu 
lassen. Wird die Plural ität von mögli­
chen Motiven beschränkt, dann entste­
hen notwendig Determinismen in ir­
gendeiner Form. Andererseits sind aus 
einer soziologischen Perspektive die 
subjektiv-intentionalen Aspekte des 
Handeins aber auch in ihren objektiven 
Kontexten zu erfassen. Jedes Handeln 
vollzieht sich unter Voraussetzungen, 
die den Handelnden nicht verfügbar 
sind, weil bestimmte Ressourcen nicht 
zugänglich sind, bestimmte Ziele nicht 
denkbar erscheinen und bestimmte Er­
gebnisse unerreichbar bleiben. ln die­
sem Sinn stellen sich für Balog soziale 
Phänomene als Handlungszusammen­
hänge dar, in denen sich Bedingungen 
der Verfügbarkeit und Bedingungen der 
Nicht-Verfügbarkeit vereinen. Theorien,  
die diese Phänomene zu beschreiben 
und zu erklären suchen, müssen die 
subjektiven und objektiven Aspekte des 
Handeins berücksichtigen, also Hand­
lungsprozesse aus der Innenperspektive 
von Akteurinnen ebenso wie aus der 
Außenperspektive, das heißt den struk­
turellen Kontexten, d ie hinter dem Rük­
ken der Agierenden wirken, analysie­
ren. 
Wenn wir nun mit Balog diesen theore­
tischen Anspruch an die soziologischen 
Theorieansätze herantragen, dann zeigt 
sich auch hier eine allgemeine Tendenz: 
Neuere Ansätze würden in der einen 
oder anderen Form die Bedeutung aner­
kennen, auch die subjektiven Handlungs­
perspektiven der Akteure als konstitutiv 
für die Hervorbringung von sozialen Phä­
nomenen zu reflektieren. 
Diese Schlussfolgerung des Autors 
gewinnt ihre Evidenz allerdings nur auf 
456 
28. Jahrgang (2002), Heft 3 
der Grundlage der vorweg vorgenomme­
nen Auswahl von theoretischen Ansät­
zen. Die in der deutschsprachigen So­
ziologie dominante Systemtheorie Niklas 
Luhmanns wird etwa der Anforderung, 
soziale Phänomene als Handlungszu­
sammenhänge zu konzeptualisieren, 
n icht gerecht, weil sie Handlungen nur 
unter dem Aspekt von Kommunikation 
Beachtung schenkt (vgl .  345ff). Offen­
sichtlich ist das der Grund, warum die 
Systemtheorie nicht in  einem eigenen 
Abschnitt, sondern nur im Schlusskapi­
tel mit einem kritischen Kommentar be­
handelt wird. Die Lesenden können für 
sich beurteilen, ob das gegen die These 
des Autors spricht oder ob - in Aner­
kennung dieser These - zu Recht auf 
die systematische Darstellung des Sy­
stems von Luhmann verzichtet wurde. 
Für Sozialwissenschaftlerlnnen, die 
sich für soziologische Theorien unter 
dem Gesichtpunkt interessieren, inwie­
weit diese hilfreich sind, empirische Fra­
gestellungen zu beantworten ,  bietet die 
Perspektive von Balog jedenfalls eine 
sinnvolle Struktur an. ln der praktischen 
Forschung sind vor allem jene Theorie­
konzepte fruchtbar, die den Handlungs­
perspektiven von Akteuren einen rele­
vanten Stellenwert für das Zustandekom­
men von sozialer Realität einräumen. 
Das bedeutet noch nicht, in der Beurtei­
lung jedes einzelnen theoretischen An­
satzes mit der Einschätzung des Autors 
übereinstimmen zu müssen, wie und ob 
der jeweilige Ansatz in ausreichendem 
Maß die Intentionalität der Handelnden 
reflektiert. 
Was für den praktischen Zugang zu 
Balogs Buch wichtig ist: Jeder Abschnitt, 
der einen oder mehrere eng verwandte 
theoretische Konzepte behandelt, kann 
gut für sich gelesen werden. Es ist aber 
empfehlenswert, das abschließende Ka­
pitel des Buches (S. 337ff.) vor dem 
Studium der einzelnen theoretischen 
Ansätze zu lesen, weil dann die theore­
tische und strukturierende Perspektive 
des Autors gegenüber diesen Ansätzen
        

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