Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 28.  Jahrgang (2002), Heft 3 
Kasten 3: Strukturelle und konjunkturelle Defizite 
ln der Literatur wird häufig zwischen aktiver und passiver Verschuldung oder auch 
zwischen strukturellen und konjunkturellen Defiziten unterschieden. Die passive 
Verschuldung speist sich aus dem ,Spielen der automatischen Stabilisatoren', d.h. 
aus dem automatischen, durch keine diskretionäre Maßnahme ausgelösten Ausein­
anderfallen von rückläufigen Steuereinnahmen und steigenden Staatsausgaben (ge­
setzlichen Transfers) im konjunkturellen Abschwung. Die Automatik dieses Prozes­
ses ermöglicht es, von den Intentionen des staatlichen Akteurs abzusehen. Aktive 
Verschuldung hingegen setzt ein intentionales, diskretionäres Verhalten des Staa­
tes voraus. 
Das ,Spielen der automatischen Stabilisatoren' führt zu konjunkturellen Defiziten im 
Abschwung und zu spiegelbildlichen Überschüssen im Aufschwung. Bereinigt man 
den öffentlichen Haushaltssaldo um diese konjunkturellen (automatischen) Einflüs­
se, so erhält man einen Saldo - Defizit oder Überschuss -, der als anhaltend, 
intentional und aktiv beeinflusst angenommen werden kann: das strukturelle Defizit 
bzw. Überschuss. Das gesamtwirtschaftliche Defizit (bzw. der Überschuss) ergibt 
sich aus der Summe von strukturellem und konjunkturellem Saldo. 
Solange angenommen werden kann, dass das strukturelle Defizit keinen Einfluss auf 
die Auslastung der Ressourcen hat- wie es die Rationale-Erwartungs-Neoklassik 
sogar kurzfristig, die weniger rigide walrasianische Theorie aber zumindest langfri­
stig unterstellt-, bewegen sich strukturelles und gesamtwirtschaftliches Defizit in die 
gleiche Richtung, ein Abbau des strukturellen Defizits impliziert einen Rückgang des 
gesamtwirtschaftlichen Defizits. Sobald aber das strukturelle Defizit zu einer Verän­
derung der Auslastung der Ressourcen führen kann- wie vom Postkeynesianismus 
angenommen -, kann ein steigendes strukturelles Defizit zu einem sinkenden ge­
samtwirtschaftlichen Defizit oder umgekehrt ein sinkendes strukturelles Defizit zu 
einem steigenden gesamtwirtschaftlichen Defizit führen - dies ist das sogenannte 
,Schuldenparadoxon' .12 
Zweifellos lässt sich d ie ,Null-Defizit-Regel' auch auf Grundlage des 
postkeynesianischen Parad igmas nicht als sinnvolle Finanzpolitik 
rechtfertigen. Mehr noch als das neo-walrasianische Paradigma eröffnen 
sich im postkeynesianischen Modell Notwendigkeiten für eine defizitfinan­
zierte I ntervention - allerdings ist n icht das gesamtwirtschaftliche bud­
getäre Defizit als reine Residualgröße von entscheidender Bedeutung, 
sondern die Aktivität der Haushaltspolitik, die sich mit H ilfe des strukturellen 
Defizits messen lässt. I hre Begrenzung erfährt die Aktivität der öffentlichen 
Haushaltspolitik durch ein noch näher zu bestimmendes N achhaltig­
keitserfordernis. U nter der Annahme eines mit steigenden Ausgaben 
sinkenden Budgetmultipl ikators lässt sich nun allerd ings ein konsolidie­
rungsoptimales Defizit (bzw. unter Umständen gar ein Ü berschuss) 
ableite n ,  das vom beschäftigungsoptimalen , nachhaltigen Defizit ab­
weicht14 - eine , N ull-Defizit-Regel' kan n  also im postkeynesianischen 
Parad igma kaum ohne realwirtschaftliche Auswirku nge n ,  insbesondere 
Beschäftigu ngsverluste, durchgesetzt werden , mag aber als Mittel der 
Haushaltskonsolidierung (temporär) erforderlich sein. 
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