Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2002 Heft 3 (3)

28.  Jahrgang (2002) ,  Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 
Editorial 
Nach dem Goldrausch 
Eigentlich verrät ja die Sprache der Börsianer schon einiges dar­
über, was wir in der jü ngeren Vergangenheit gesehen haben: l n  
diesem oder jenem Markt, Papier oder Wirtschaftszweig steckt 
Phantasie. Ein ige dieser Phantasien sind nun wie die sprichwört­
lichen Seifenblasen zerplatzt. 
Dereinst werden vermutlich die Lehrbücher über spekulative Bla­
sen (bubbles) auf Vermögensmärkten die I KT-Biase der neunziger 
Jahre in eine Reihe stellen mit der holländischen Tulpenmanie 
oder dem Boom der zwanziger Jahre, der im ,Schwarzen Freitag' 
endete und dem schließlich die Weltwirtschaftskrise folgte. An sich 
sind solche irrationalen Übertreibungen auf Vermögensmärkten 
nichts Ungewöhnliches, und sie sind auch n icht erst seit der 
Chaostheorie ganz gut erklärt (Keynes'scher beauty contest). Pro­
blematisch werden solche Spekulationsblasen erst, wenn sie sich 
verzerrend auf die Realwirtschaft auswirken, weil sie I nvestitions­
und Konsumentscheidungen beeinflussen, und vor allem, wenn 
weitreichende wirtschaftspolitische Entscheidungen von solchen 
Manien erfasst werden. 
Gerade in den letzten Jahren waren teils mehr (Literatur ü ber 
den Zusammenhang zwischen Finanzierungsmodus und Wirt­
schaftswachstum), teils weniger (vereinfachte, populistische 
Schlussfolgerungen daraus) fundierte Meinungen populär gewor­
den, dass Aktienmärkte einen Wachstumsmotor für die Wirtschaft 
darstellten. Das zeitgleiche Auftreten der längsten Expansionspha­
se der US-Wirtschaft in der Nachkriegsgeschichte und der (fast) 
unvergleichlichen Hausse an den US-Aktienmärkten schienen die­
se Aussagen zu untermauern. Schnell waren Erklärungen wie jene 
bei der Hand , rationale Märkte würden I nformationen besser verar­
beiten als I nstitutionen wie Banken und daher Kapital effizienter 
lenken. 
Doch eben dieses konnte in einer jüngsten Studie des WI FO, die 
von der AK in Auftrag gegeben wurde, nicht bestätigt werden. l n  
dieser Studie wurde der Wachstumsbeitrag von Börsen in OE CD­
Ländern über die letzten dreißig Jahre untersucht. Als erklärende 
Variablen für Börsengröße und -effizienz wurden die Börsen­
kapitalisierung in Prozent des B I P, der Börsenumsatz in Prozent 
des B I P  sowie der Umschlag (Umsatz/Kapitalisierung) herangezo­
gen und sowohl in statischen als auch i n  dynamischen Schätzver­
fahren getestet. Während für die Kapital isierung ( in der Preis­
effekte - also Antizipation - eine Rolle spielen) noch ein schwach 
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