Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2003 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 
Die wahre Armutsfalle 
Rezension von: Ronald Gebauer, Hanna 
Petschauer, Georg Vobruba, Wer sitzt in 
der Armutsfalle? Selbstbehauptung 
zwischen Sozialhilfe und Arbeitsmarkt, 
Edition Sigma, Berlin 2002, 231  Seiten, 
€ 14,90. 
"Ich will arbeiten gehen. Sonst kann 
ich mir eh nur eine Kugel in den Kopf 
schießen. - Aber es hilft mir nie­
mand." Mit ungefähr diesen Worten 
umschrieb einer der Bewohner des 
Män nerheims Meldemannstraße in 
der gleichnamigen Dokumentation 
von Elisabeth T. Spira sein Elend . 
Wer auf der Armutskonferenz die­
ses Jahr zum Thema "Arm macht 
krank. Krank macht arm ." war, weiß, 
dass dies kein Einzelschicksal ist. 
Haftentlassene, misshandelte und 
obdachlose Frauen, Drogensüchtige, 
psychisch Kranke - sie alle sind von 
Armut bedroht bzw. leben in ärmlichs­
ten Verhältnissen, wollen heraus aus 
ihrer Lage und finden keine Hi lfe. 
Kann man dies nicht als Armutsfalle 
bezeichnen? Nicht, wenn es nach 
Sozial- und Wirtschaftswissenschaf­
tern geht. Diese bezeichnen vielmehr 
die institutionelle Grenze zwischen 
Sozialhilfe und Arbeitsmarkt, gekenn­
zeichnet durch hohe Grenzsteuersät­
ze und die damit verbundene hoch 
problematische Anreizstruktur, als 
Armutsfalle. 
Gebauer, Petschauer und Vobruba 
untersuchen in i h rem Buch diese 
Armutsfalle. Sie gestehen die institu­
tionelle Existenz dieser Grenze zu, 
al lerdings, und dies ist auch die 
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29. Jahrgang (2003), Heft 2 
Hauptaussage in ihrem Buch, wider­
sprechen sie vehement der gängigen 
Interpretation der Armutsfalle: Es wird 
nämlich ü blicherweise unterstellt, 
dass die Armutsfalle auch ein tatsäch­
liches individuelles Verhalten bewirke, 
derart, dass die Betroffenen nur kurz­
fristige Einkommensmaximierung vor 
Augen hätten und damit übermäßig 
lange in der Sozialhilfe blieben. Die 
Autorinnen weisen darauf hin, dass 
eine dera rtige Konstru ktion der 
Armutsfalle als Rationalitätenfalle ein 
erhebliches legitimatorisches Potenzi­
al für Zwangsmaßnahmen gegen 
Sozialhi lfeempfänger in sich birgt. 
Nun könne man aber in keiner 
Weise von der Anreizstruktur auf das 
tatsächliche Verhalten sch ließen: 
"Erstens fehlt eine präzise Unterschei­
dung zwischen institutioneller Anreiz­
struktur und tatsächlichem individuel­
lem Handeln und zweitens eine präzi­
se Unterscheidung zwischen der 
aggregierten Arbeitslosenzahl (amtli­
che Statistik) und der Empirie indivi­
d uel ler Arbeitslosigkeitsverläufe 
(Längsschnittdaten)." (S. 1 7) 
Die Autori nnen untersuchen diese 
Frage nun auf zwei Methoden. Im 
quantitativen Teil nehmen sie Daten 
des Sozioökonomischen Panels in 
Deutschland (das seit 1 984 existiert 
und seit 1 992 ein eigenes Sozialhi lfe­
kalendarium hat) und versuchen, 
Längsschnittverläufe (für die Jahre 
1 99 1 -1 996) einzelner Personen auf 
die Existenz einer Arm utsfalle zu 
überprüfen. Im zweiten, qualitativen 
Teil werden 26 Personen in Tiefenin­
terviews auf ihre persönlichen E rfah­
rungen mit der Sozialhi lfe und der 
Problematik der "Armutsfal le" abge­
fragt. 
D ie quantitative U ntersuch ung 
bestätigt, was auch bereits aus ande-
        

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