Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2003 Heft 2 (2)

29. Jahrgang (2003), Heft 2 
ren Ländern wie den N iederlanden, 
aber auch den USA bekannt ist: Die 
Verweilzeiten in der Sozialhi lfe sind 
relativ kurz. Von 1 00 Bezieherinnen 
von Sozialhi lfe finden 59 binnen eines 
Jahres, 78 binnen drei Jahren und 83 
binnen fünf Jahren wieder heraus (die 
restl ichen 1 7  verblei ben al lerdings 
fast ausnahmslos auf Dauer im Sozi­
alhi lfebezug) - der Median liegt bei 
1 1 , 63 Monaten. Nach sozioökonomi­
schen Gruppen betrachtet, sind Frau­
en absolut häufiger von Sozialhi lfebe­
zug betroffen, Ostdeutsche und Aus­
länderinnen sind überrepräsentiert 
und nach dem Alter ist die Gruppe der 
26- bis 35-Jährigen die am stärksten 
betroffene. Allei nerzieheri nnen und 
insgesamt Haushalte mit Kindern sind 
öfter in Sozialhi lfe und auch Perso­
nen, die gar keinen oder einen Lehr­
abschluss haben. 
Die Personen wurden auch während 
des Sozialhi lfebezugs befragt, ob sie 
sofort einen ihnen angebotenen Job 
annehmen würden. Hier antworteten 
25,8% mit Ja, auf die Frage, ob sie es 
in m ittelfristiger Zuku nft vorhätten ,  
antworteten 37,6% mit J a .  Dass die 
Autoren diese Differenz dahingehend 
interpretieren, dass es mittelfristig bis 
längerfristig ein erhebliches Arbeits­
kräftepotenzial aus der Sozialhi lfe 
gäbe, erachte ich für eine Scheuklap­
pen-Sicht, da nicht thematisiert wird, 
dass nach dieser Befragung mehr als 
60% ja nicht vorhätten ,  wieder eine 
Arbeit aufzunehmen. 
Bei der Betrachtung der Übergänge 
von Sozialhi lfe in die Erwerbstätigkeit 
ist der abrupte, unmittelbare Über­
gang eher d ie Seltenheit. Ziemlich 
häufig gibt es ungeordnete Aufei­
nanderfolgen, die oft auch mit einer 
sehr großen zeitl ichen Überlappung 
erfolgen. Die Tatsache, dass Perso-
Wirtschaft und Gesellschaft 
nen also während des Sozialhi lfebe­
zugs häufig bereits erwerbstätig sind 
(obwohl dies teilweise Grenzsteuer­
sätze von bis zu 1 00% bedeutet) , ist 
allerdings jedenfalls ein guter Beleg 
dafür, dass die institutionelle Armuts­
falle nicht so ohne weiteres auf das 
individuelle Verhalten wirkt. Auch die 
Behauptu ng, die Sozialhi lfe würde 
einen faktischen Mindestlohn (bzw. 
Reservationslohn) bed i ngen , u nter 
dem eben keine Arbeit angeboten 
würde, muss angesichts dieser empi­
rischen Evidenz wenn nicht verwor­
fen ,  so doch ziemlich in Frage gestellt 
werden. 
Auch die Chance der Wiederauf­
nahme einer Arbeit wurde nach 
sozioökonomischen Merkmalen unter­
sucht: Wenn auch nicht mit großer 
Signifikanz, so zeigen sich zwei Prob­
lemgruppen: Über 35-Jährige sowie 
Alleinerzieherinnen haben eine gerin­
gere Chance des Wiedereinstiegs. 
Die berufsbezogene Qual ifikation 
erhöht wesentlich die Chance, wieder 
eine Arbeit zu finden. Biografische 
Ereignisse haben auch eine gewisse 
Signifikanz: Der Einzug einer Partne­
rin bzw. eines Partners u nd der Aus­
zug eines Jugendlichen erhöhen die 
Chancen der Wiederaufnahme, die 
Geburt eines Kindes erhöht für Män­
ner die Chancen, für Frauen reduziert 
er sie wenig überraschend deutlich. 
Für die Frage nach der Existenz einer 
Armutsfalle ist interessant zu betrach­
ten ,  ob die Größe des Abstandes von 
Sozialhi lfe und Einkommen einen Ein­
fluss hätte - Tatsache ist, dass gerade 
Personen, die in Haushalten mit meh­
reren Personen leben , wo der Lohn­
abstand daher wesentlich geringer ist 
als bei Alleinstehenden, die Wieder­
aufnahme rascher erfolgt. 
Insgesamt zeigt also die empirische 
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