Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2005 Heft 1 (1)

3 1 .  Jahrgang (2005), Heft 1 
Gewerkschaftliche Handlungs­
spielräume in der europäischen 
Wirtschaftspolitik: Gibt es die? 
Rezension von: Eckhard Hein, Torsten 
Niechoj , Thorsten Schulten, Achim 
Truger, Europas Wirtschaft gestalten! 
Makroökonomische Koordinierung und 
die Rolle der Gewerkschaften, VSA Ver­
lag, Harnburg 2004, 256 Seiten, € 16,80. 
Europa steht derzeit vor großen po­
l itischen und ökonomischen Heraus­
forderungen. Die vollzogenen und die 
zukünftigen Erweiterungsrunden ge­
paart mit der notwendigen Bewältigung 
der wirtschaftlichen Stagnation verlan­
gen von der EU mehr an Gestaltungs­
kraft, als dies bisher der Fall war. Ge­
werkschafterlnnen haben immer schon 
deutlich formul iert, warum sie mit der 
bisherigen Politik der EU unzufrieden 
sind: Zu sehr dem freien Wettbewerb, 
zu wenig der Sozialpolitik verpfl ichtet 
sei die Union, mit fatalen Folgen für 
Wachstum und Beschäftigung. Diese 
Kritik wird auch in vorliegendem Buch 
laut, die als Sammelband einer Tagung 
erschienen ist. Im Rahmen dieser Ta­
gung wurde der Frage nachgegangen, 
warum die EU sich derzeit in einer öko­
nomischen Krisensituation befindet,  
aus der sie sich n icht befreien kann 
oder auch wil l .  Im Zentrum der Kritik 
steht der aktuelle makroökonomische 
Politik-Mix zwischen Geld-, Fiskal- und 
Lohnpolitik und die Forderung nach ei­
ner tatsächlichen wirtschaftspolitischen 
Koordinierung auf EU-Ebene. Die 
unterschiedlichen Koordinierungspro­
zesse werden aus wissenschaftlicher 
und gewerkschaftl icher Sicht betrach­
tet. Dem Sammelband gelingt es, so­
wohl einen Überblick über das aktuel­
le Geschehen zu geben als auch eine 
Wirtschaft und Gesellschaft 
Einschätzung darüber zu ermöglichen, 
inwieweit die wirtschaftspolitischen Ko­
ordinierungsprozesse den Interessen 
und Zielen der Gewerkschaften ent­
sprechen. 
Warum Koordinierung? 
ln e inem ersten Themenblock wird 
grundsätzl ich der Frage nach der Auf­
gabe und Funktion wirtschaftspol iti­
scher Koordinierung in einer Wäh­
rungsunion nachgegangen. Eckhard 
Hein und Achim Truger untersuchen 
die Schwachstellen und Defizite des 
bisherigen wirtschaftspolitischen Regi­
mes. Diese Analysen sind als Einlei­
tung des Sammelbandes (der Tagung) 
zu lesen. Zwar bieten sie für jene, die 
die Diskussion laufend verfolgen, kaum 
neue Erkenntnisse, al lerdings stellen 
sie die aktuellen Entwicklungen präg­
nant und kritisch dar. So wird die res­
triktive Ausrichtung der aktuellen mak­
roökonomischen Politik, die sich in der 
gegenwärtigen Geld- und Fiskalpolitik 
manifestiert, für die aktuelle Wirt­
schaftskrise verantwortlich gemacht 
und als neu-monetaristisches Politik­
Konzept verworfen. Als Ausweg sehen 
die Autoren wirtschaftspolitische Koor­
dinierung in  einem keynesian ischen 
Verständnis. Dies beinhaltet eine koor­
dinierte Geld-, Fiskal- und Lohnpolitik, 
mit dem Ziel ,  mehr Wachstum in der 
Europäischen Währungsunion und Be­
schäftigung zu generieren. 
ln einem weiteren Aufsatz analysie­
ren Fritsche et a l . ,  inwieweit die US­
amerikanische Wirtschaftspolitik einem 
keynesianischen Ansatz von wirt­
schaftspolitischer Koordinierung ent­
spricht. Genau wird die Geld-, Fiskal­
und Lohnpolitik der neunziger Jahre 
dargestellt. Die bessere Performance 
der USA ist laut Autoren nicht primär 
auf eine bewusste makroökonomische 
Strategie, sondern stark auch auf 
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