Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2005 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 
"glückliche Umstände" zurückzuführen, 
zeichnet sich aber durch das "konse­
quente Ausnutzen dieser Umstände" 
aus. Die US-amerikanischen Wirt­
schaftspolitikerlnnen stellen sich ins­
gesamt als weniger ideologisch gelei­
tet dar als ihre europäischen Kolleg in­
nen. 
Wem nutzt Koordinierung? 
Im Weiteren geht Torsten Niechoj in 
seinem ausgesprochen interessanten 
Artikel der Frage nach, welche Politik­
empfehlungen keynesianische Makro­
politik - in ihren verschiedenen Facet­
ten von neu- bis postkeynesianisch -
für die europäische Wirtschaftspolitik 
geben würde und welche Akteure dar­
an I nteresse haben könnten/sollten .  
N iechoj kommt zu der Einschätzung, 
dass die aktuelle Ausrichtung der EU 
sich einer neukeynesianischen Orien­
tierung angenähert hat (Abkehr von der 
Geldmengenpolitik, Nicht-Sanktionie­
rung der Defizit-Sünder etc.) .  Allerdings 
verfolgen die Gewerkschaften eher 
post-keynesianische Forderungen, von 
denen die EU  noch weit entfernt ist: 
Weder gibt es eine langfristig ausge­
richtete Politik der Wachstumssteige­
rung noch ein Bekenntnis zur produk­
tivitätsorientierten Lohnpolitik. 
Ergänzt wird diese Analyse durch ei­
nen sehr kurzen, äußerst politisch ge­
haltenen Artikel von Rudolf Welzmül­
ler, der sich als Vorstandsmitglied der 
IG-Metall klar zur Notwendigkeit einer 
koordinierten Makropolitik bekennt; dies 
beinhaltet auch die Koordinierung der 
Lohnpolitiken. 
Der Makroökonomische Dialog 
ln der wirtschaftspolitischen Realität 
ist ein Gremium von zentraler Bedeu­
tung - insbesondere für Gewerkschaf­
ten, die sich immer besonders stark für 
seine Entstehung eingesetzt haben : 
146 
3 1 .  Jahrgang (2005), Heft 1 
Der sog. Makroökonomische Dialog 
(MD). ln diesem Rahmen treffen sich 
halbjährlich Vertreterinnen der EZB, 
des Rates Wirtschaft und Finanzen, 
des Rates Arbeit und Soziales, der 
Kommission und der Sozialpartner: Zur 
Bewertung der realpolitischen Auswir­
kungen wurde mit dem Koordinator die­
ses Gremiums, Will i Kal i ,  ein wesent­
licher Akteur auf EU-Ebene für einen 
Beitrag eingeladen. Er analysiert Ent­
stehungsgeschichte und -Überlegun­
gen dieses Dialoges und nimmt natur­
gemäß eine positive Haltung zum MD 
ein. ln seinem Beitrag geht er vor allem 
auf die Gründe ein, warum ein solches 
Forum ökonomisch zweckmäßig und 
eine sinnvolle Ergänzung zu den struk­
turpolitischen Diskussionen ist. Wenn 
auch vorsichtig, so äußert Kali doch 
Kritik an manchen Aspekten des MD, 
wie etwa dem Fehlen einer Entspre­
chung zu dieser Form von Koordinie­
rung in manchen Mitgliedstaaten. 
Dieser Blick aus der Institution wird 
von Ronald Janssen, einem Vertreter 
des Europäischen Gewerkschaftsbun­
des, ergänzt. Einmal mehr wird das 
Fehlen makroökonomischer Koordinie­
rung für die schwache Wirtschafts-Per­
formance der EU  verantwortlich ge­
macht. Hier liegt im Übrigen auch eine 
Schwachstelle der Aufsatzsammlung: 
Die Analysen der wirtschaftlichen Ent­
wicklung finden praktisch in jedem Ar­
tikel statt und weichen auf Grund der 
ähnlichen Weltsicht kaum voneinander 
ab. ln einem etwas oberflächlichen Plä­
doyer für den MD vertritt Janssen die 
Ansicht, dass die Einschätzungen und 
die Handlungen der Arbeitnehmerver­
treter bei den anderen Akteuren des 
MD selten Beachtung fänden, es aber 
trotz d ieser eher frustrierenden Ent­
wicklung für die Gewerkschaften not­
wendig sei, an d iesem Gremium (mit 
einigen Reformenwünschen) festzu-
        

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