Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2005 Heft 2 (2)

31. Jahrgang (2005), Heft 2 
Der Autor des zweiten hier bespro­
chenen Buches, Albrecht Müller, ist pro­
movierter Ökonom , arbeitete bei Karl 
Schiller, war 1 973-1 982 Leiter der Pla­
nungsabteilung im Bundeskanzleramt 
bei Wil ly Brandt und von 1 987-1 994 
Mitglied des deutschen Bundestages. 
Er arbeitet heute als Publ izist, unter 
anderem über eine von ihm mitge­
gründete kritische I nternet-Seite 
(www.nachdenkseiten.de). So wie Ba­
finger greift Müller in seinem Buch die 
M isere und Verlogenheit der wirt­
schaftlichen Diskussion in Deutschland 
auf, wo unter dem Schlagwort "Reform" 
eine Politik des sozialen Rückschritts 
und der Stärkung der Unternehmer­
seite betrieben wird. 
Die Unterschiede der beiden Bücher 
liegen in Bezug auf Zielgruppe, Stil und 
Erfahrungshintergrund. Mül lers Buch 
will breit wirken, ist daher journalistisch 
zupackend und akzentu iert geschrie­
ben . Sein Erfahrungshintergrund als 
Publizist und wirtschaftspolitischer Be­
rater führt ihn dazu, detail liert der Fra­
ge nachzugehen, wie es denn zur neo­
l iberalen Meinungsübermacht, zum 
"merkwürdigen Erfolg einer erfolglosen 
Theorie" kommen konnte. Dass die mit 
Selbstsicherheit von ökonomischen Be­
ratern, Unternehmern und Polit ikern 
vorgelegten Analysen in vielen Fällen 
nicht mit der Realität übereinstimmen 
und die entsprechenden "Reformen" 
nicht die versprochenen Ergebnisse ge­
bracht haben, belegt Müller eindrucks­
voll mit einer Fülle von Zitaten und Be­
legen. Dass diese Fehlschläge an der 
öffentlichen Debatte n ichts ändern , 
führt Müller auf gezielte Strategien der 
Meinungsbi ldung und des Lobbying 
von Unternehmerseite zurück. Es gi lt 
oft als "unfein", darüber zu reden oder 
zu schreiben, aber es ist schon inte­
ressant, wie Müller dokumentiert, mit 
welch erheblichen M itteln der Unter-
Wirtschaft und Gesellschaft 
nehmerverbände die "Revolution von 
oben" (Müller: "die außerparlamentari­
sche Opposition von oben") an der Dis­
kreditierung des Sozialstaates arbeitet, 
wie die PR-Maschine der neo-liberalen 
"Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" 
läuft und welche Netzwerke zwischen 
Lobbyisten, Forschungsinstituten und 
Forschern bestehen. 
All d ies kann wohl n icht als einzige 
Erklärung dafür genommen werden, 
wieso es in Deutschland gerade bei ei­
ner rot-g rünen Regierung zu d ieser 
neo-liberalen Meinungsführerschaft ge­
kommen ist, und kritische Ökonomin­
nen wie auch I nteressenvertreter der 
Arbeitnehmerseite haben sich hier 
auch selbstkritische Fragen zu stellen. 
Aber wie sonst kaum in wirtschaftspo­
litischen Publikationen, wird bei Müller 
die beunruhigende Frage deutlich, wie 
die Zukunft von Demokratien aussieht, 
wo die Meinungsbildung zunehmend in 
der Hand mächtiger privater Medien­
konzerne l iegt, d ie primär ihren Wer­
bekunden verpfl ichtet sind, wo jedem 
Wahlkampf ein Buh len um Partei­
spenden vorausgeht und Forschung 
immer stärker vom "Einwerben" priva­
ter Mittel abhängt. 
Der Hauptteil des Buches von Müller 
ist eine publizistische Meisterleistung: 
Systematisch werden "40 Denkfehler, 
Mythen und Legenden" dargestellt. 
Standardargumente des neo-liberalen 
Diskurses, jeweils mit Zitaten belegt, 
werden auf ihre empirische Relevanz 
und die entsprechenden wirtschafts­
politischen Schlussfolgerungen hin 
analysiert. Vom Mythos der "demogra­
phischen Bombe" bis hin zum Mythos 
der unflexiblen Arbeitsmärkte werden 
damit verbundene wirtschaftspolitische 
Diskussionen in Einzelfragen aufgear­
beitet. Müller geht dabei durchaus dif­
ferenziert vor und zeigt, dass in man­
chen dieser "Mythen" zweifellos auch 
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