Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2006 Heft 2 (2)

32. Jahrgang (2006), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft 
BÜCHER 
Otto Neuraths ökonomische 
Schriften 
Rezension von: Otto Neurath, Economic 
Writings. Selections 1 904-1 945, hrsg. von 
Thomas E. Uebel und Robert S. Cohen, 
mit einer Einleitung von Thomas E. 
Uebel; Kluwer Academic Publishers, 
Dordrecht-Boston-London 2005, 
563 Seiten, ca. € 1 87 .  
Dem steigenden Interesse für die 
Schriften des Wiener Kreises der lo­
gisch-empiristischen , auch als neopo­
sitivistisch bezeichneten Philosophen 
ist die Wiederveröffentlichung zahl­
reicher Publikationen seiner wichtigs­
ten Vertreter zu verdanken, zu denen 
neben den Philosophen Moritz Schlick 
und Rudolf Carnap auch Otto Neurath 
zählt. 
Das starke Interesse an Otto 
Neurath , der gemeinsam mit Rudolf 
Carnap und dem Wiener Mathema­
tikprofessor Hans Hahn als Autor der 
1 929 veröffentlichten Programmschrift 
des Wiener Kreises "Wissenschaftliche 
Weltauffassung - der Wiener Kreis" 
zeichnete, gilt vor allem seinen philo­
sophisch-wissenschaftstheoretischen 
Beiträgen , die im Mittelpunkt von Mo­
nographien und mehreren Sammel­
bänden1 stehen. Nachdem 1 998 in 
Österreich eine Sammlung der über­
wiegend in deutscher Sprache verfass­
ten sozialwissenschaftliehen Schriften 
Neuraths erschienen ist ,2 gibt es nun 
auch eine Auswahl der ökonomischen 
Schriften Neuraths in englischer Spra­
che als 23. Band der bereits seit 1 973 
erscheinenden Vienna Circle Collec­
tion. Die darin enthaltenen Zeitschrif­
tenartikel und Teilveröffentlichungen 
aus selbstständigen Publikationen 
sind mit zwei Ausnahmen aus dem 
Deutschen übersetzt worden. 
Im Wiener Kreis spielte Otto Neurath 
eine Doppelrolle. Mit seiner rastlosen 
Tätigkeit als , ,Wissenschaftsorganisa­
tor" war er eine treibende Kraft hinter 
den Bestrebungen , die Vertreter der 
neuen Philosophie als Gruppe in Er­
scheinung treten zu lassen und neue 
Anhänger für ihren Ansatz und ihre 
Erkenntnisse zu werben. Davon zeu­
gen nicht nur die erwähnte Programm­
schrift, sondern auch sein starkes 
Engagement für die Schaffung von 
eigenen Publikationsforen (die Zeit­
schrift "Erkenntnis" erschien seit 1 930, 
der erste Band der als Enzyklopädie 
angelegten Schriftenreihe "Einheits­
wissenschaft" 1 934 ), für die Gründung 
des "Vereins Ernst Mach" , bis hin zu 
seinen vielfältigen volksbildnerischen 
Aktivitäten. 
Wenn dies auf eine sehr integrative 
Funktion Neuraths innerhalb seiner 
Gruppe schließen lässt , so war er nicht 
selten auch der personifizierte Wider­
spruchsgeist. Sein impulsiver Diskussi­
onsstil ,  mit dem er seine Widersprüche 
zur Geltung brachte , rief auch Abwehr­
reaktionen hervor. Der übersensible 
Wittgenstein vermied bei seinen Tref­
fen mit Mitgliedern des Wiener Kreises 
den direkten Kontakt mit Neurath, und 
im Wiener Kreis selbst einigte man 
sich auf den Modus, dass Neurath 
seine häufig vorgebrachte Kritik, dass 
die Diskussion ins Metaphysische 
hinübergleite, jeweils einfach nur durch 
"M" zum Ausdruck bringen sollte.3 
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