Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2006 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 
Als Sozialwissenschaftler ist Neurath 
einem breiteren Kreis durch sei­
ne Bildstatistiken bekannt, die er für 
das Wiener Wirtschafts- und Gesell­
schaftsmuseum, eine weitere Grün­
dung Neuraths aus dem Jahr 1 925, 
entwickelte. Seine sozialwissenschaft­
liehe Ausbildung erhielt er ursprünglich 
in der Tradition der deutschen Histo­
rischen Schule. Nachdem er 1 907 an 
der Berliner Universität mit einem wirt­
schaftshistorischen Thema promoviert 
hatte, setzte er sich in Wien u. a. im 
berühmten Seminar Böhm-Bawerks 
gründlich auch mit den Lehren der 
Österreichischen Schule der Natio­
nalökonomie auseinander. ln seinen 
zahlreichen sozialwissenschaftliehen 
Schriften bezog Neurath in verschie­
denen Formen immer wieder gegen 
einen jeweiligen mainstream Position, 
sowohl in Fragen der ökonomischen 
Theorie wie auch in der Wirtschafts­
politik. 
Im vorliegenden Band von Neuraths 
Economic Writings wird eine sach­
liche Einteilung der Beiträge nahezu 
deckungsgleich mit einer chronolo­
gischen kombiniert. Neurath begann 
mit wirtschaftshistorischen Arbeiten, 
von denen im Band z. B. Teile seiner 
"Antiken Wirtschaftsgeschichte"4 und 
die umfangreiche Abhandlung über 
die Kriegswirtschaft aus 1 9 1 0  erstmals 
übersetzt sind. 
Der zweite Abschnitt "Early contri­
butions to the theory of economics 
and social science" enthält Beiträge 
Neuraths zu den damaligen Kontro­
versen über Methode und Wertbezo­
genheit der Sozialwissenschaften. Im 
"Methodenstreit" zwischen der His­
torischen Schule und der Österrei­
chischen Schule nahm Neurath wie z. 
B. auch Schumpeter eine vermitteln­
de Position ein. ln Antizipation seiner 
später formulierten wissenschaftsthe-
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32. Jahrgang (2006), Heft 2 
oretischen Position nahm er für die 
historische Forschung (Induktion i. S. 
Mengers) die Möglichkeit in Anspruch, 
zu generellen Propositionen zu gelan­
gen, während andererseits die theore­
tische Analyse (Deduktion) die histo­
rische Forschung oft erst in die Lage 
versetzt, bestimmte Zusammenhänge 
zu erkennen. 
ln der Werturteilsfrage wird der kri­
tische Impetus Neuraths deutlich in 
seiner Kritik an der einseitigen Orien­
tierung der Österreichischen Schule 
auf die Preistheorie. Er negierte die 
Objektivität wohlfahrtstheoretischer 
Schlussfolgerungen auf deren Grund­
lage, indem er aufzeigte, dass die re­
sultierende Allokation der Ressourcen 
und Verteilung der Güter und ihre Be­
wertung von institutionellen Strukturen 
und Wirtschaftsordnungen, von denen 
jeweils mehrere Alternativen zumin­
dest denkbar sind, abhängt. Als sol­
che alternative Ordnungsformen hatte 
Neurath schon früh die ägyptische Na­
turalwirtschaft mit ihrem auf kleine Be­
reiche eingeschränkten Tauschverkehr 
identifiziert. 
Von daher kommt auch Neuraths all­
gemein-theoretisches Interesse an der 
Kriegswirtschaft mehrere Jahre vor 
dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 
Für ihn wurde am Beispiel der Kriegs­
wirtschaft erkennbar, dass durch Geld 
vermittelter Tausch nur eine von meh­
reren Möglichkeiten der Gütervertei­
lung darstellt: "Money reveals itself 
more clearly as only one of the many 
means to provide goods." (Zitat aus 
einem 1 91 0  publizierten Aufsatz, im 
vorliegenden Band S. 1 93) Dieser Ge­
danke führte Naurath in der nach dem 
Krieg einsetzenden "Sozialisierungs­
debatte" zu seinem Vorschlag einer 
Wirtschaftsordnung auf Basis einer 
"Naturalrechnung". 
Nach dem Ende des Weltkriegs, das
        

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