Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2006 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 
wünscht, da ist dieses Buch durchaus 
auch in fachlicher Hinsicht ernst zu 
nehmen. Köstlich beispielsweise, wie 
Müller darauf verweist, dass Hans­
Werner Sinn in der ersten Auflage sei­
nes Buches "Ist Deutschland noch zu 
retten" (auf S. 71 )  eine Grafik zeigte , 
die den enorm "gestiegenen Anteil der 
USA am Welthandel" offensichtlich als 
vorbildhaft darstellte - dabei ging es 
allerdings um die ins Monströse ge­
stiegenen Importe. 
Problematisch ist dieses Buch frei­
lich in den Themenbereichen , die es 
ausspart oder nur ganz marginal be­
handelt. So widmet Müller der extre­
men Belastung der westdeutschen 
Wirtschaft durch die DDR-Integration 
nur wenig tiefgründige Überlegungen. 
Wir erfahren beispielsweise, dass Mül­
ler seinerzeit gegen den Umtausch von 
West- und Ostmark im Verhältnis von 
1 : 1  gestimmt habe , weil das die Wett­
bewerbsfähigkeit der DDR-Betriebe 
zerstört habe. Zugegeben. Aber was 
wäre die Alternative gewesen? Ein 
realistischeres Umtauschverhältnisse 
oder das Fortbestehen einer "weichen" 
Ostmark analog den Währungen der 
anderen Reformländer hätte einen 
noch viel dramatischeren innerdeut­
schen Massenexodus bewirkt , als er 
ohnehin eingetreten ist. 
Und warum ist nirgends von der 
Katastrophe der "Gemeinwirtschaft" 
(Coop, Neue Heimat , BfG) die Rede, 
einem Parallelphänomen zur Implosi­
on des Realsozialismus , das mit dazu 
beigetragen hat , dass sich heute auch 
270 
32. Jahrgang (2006), Heft 2 
große Teile der ehemals linken Eliten 
zu Privatisierung, zu öffentlich-privaten 
Partnerschaften etc. bekennen? Und 
liegt nicht ein wesentliches Problem 
auch darin, dass jene Teile des ehe­
mals gemeinwirtschaftliehen bzw. öf­
fentlichen Sektors , die nicht zu Grunde 
gegangen sind, ihnen nahe stehende 
Funktionäre gerne zu viel ,,Verständnis 
für betriebliche Notwendigkeiten" moti­
viert haben? (Man denke an die Rolle 
des VW-Managements in Niedersach­
sen , Stichwort Hartz.) Mit solchen 
Überlegungen würde allerdings die 
einfach gestrickte Welt der Philippika 
verlassen. 
Gleiches gilt für den Fall, dass man 
sich eingesteht , dass beispielsweise 
auch "gemeinwirtschaftliche" Versi­
cherungsunternehmen Interesse an 
Angstpropaganda haben können , um 
die Eigenvorsorge ihrer Kunden zu sti­
mulieren. 
Albrecht Müllers Buch legt den Fin­
ger auf viele offene Wunden , nicht 
zuletzt was die durchgreifende Kom­
merzialisierung der Welt betrifft, die 
heutzutage zuweilen geradezu ins 
trendige Bekenntnis zur eigenen Käuf­
lichkeit mündet. 
Leider weiß Müller aber keine wirk­
lich überzeugenden Gegenrezepte 
beizubringen , und seine starken Worte 
sind , auch dort ,  wo er hundertprozen­
tig Recht hat, eher ein Indiz der inte­
ressenpolitischen Schwäche der von 
ihm vertretenen Positionen. 
Robert Schediwy
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.