Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2006 Heft 4 (4)

32. Jahrgang (2006), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
BERICHTE UND DOKUMENTE 
Mindestlöhne und 
die Verteilung von 
Arbeitseinkommen 
Astrid Haider 
1. Einleitung 
Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit 
in vielen europäischen Ländern er­
zeugt Druck auf Löhne. Neue Nied­
riglahnstellen sollen insbesondere 
Langzeitarbeitslose wieder in den Ar­
beitsmarkt eingliedern . Gesetzliche 
Mindestlöhne oder eine hohe kollek­
tivvertragliche Abdeckung der Arbeit­
nehmer/innen stellen einen Schutz vor 
Ausbeutung durch die Arbeitgeber dar 
und sollen Armut reduzieren, 1 weshalb 
eine Debatte um Mindestlöhne und de­
ren Auswirkungen auf Beschäftigung 
und Verteilung nach wie vor von hoher 
Relevanz ist. 
Das Einkommen aus unselbststän­
diger Arbeit stellt für viele Personen 
den wichtigsten Bestandteil ihrer öko­
nomischen Lebensgrundlage dar. 
Wohlfahrtsstaaten haben deshalb mit 
der Zeit unterschiedliche Instrumente 
entwickelt, um unerwünschte, d. h. zu 
n iedrige Ergebnisse im Lohnsetzungs­
prozess zu vermeiden oder zu korri­
gieren. Während in kontinentaleuropä­
ischen Staaten Lohnsetzungsprozesse 
und Bestimmungen zum Arbeitnehmer­
schutz zu einem großen Tei l  mithi lfe 
von Kollektivverhandlungen zwischen 
Sozialpartnern festgelegt werden, 
wird vor allem im Mittelmeerraum ein 
gesetzl icher Mindestlohn bestimmt. 
Im engl ischsprachigen Raum wird in 
den Lohnfindungsprozess zentral we­
niger stark eingegriffen.  Durch den 
Markt hervorgerufene unerwünschte 
Ergebnisse werden, wenn überhaupt, 
vermehrt über umverteilende Steuern 
korrigiert. 
Bonoli (2003) zeigt diese Unter­
schiede auf und legt dar, wie stark 
welches Instrument in verschiedenen 
Ländern ausgeprägt ist. Auf dieser 
Basis ordnet er Staaten in einer Typo­
logie ein. Während er das Entstehen 
der Unterschiede darstellt, lässt er die 
Frage nach ihren Auswirkungen offen .  
Anhand der Typologie von Bonoli soll 
daher in diesem Artikel untersucht 
werden, ob Unterschiede im Lohnset­
zungsprozess zu unterschiedlichen 
Verteilungen der Nettoarbeitseinkom­
men2 in einem Staat führen. 
Deshalb werden in diesem Artikel 
mithi lfe des Europäischen Haushalt­
panels - eines Datensatzes, der Ein­
kommensdaten auf Personen- und 
Haushaltsebene aus mehreren euro­
päischen Staaten enthält - Maßzahlen 
zu den nationalen Verteilungen der 
Einkommen aus unselbstständiger Ar­
beit vergl ichen. Anhand zweier Maß­
zahlen zur Beschreibung von Einkom­
mensungleichheit wird untersucht, ob 
verschiedene Instrumente zur Bestim­
mung von Mindestlöhnen zu Unter­
schieden in den Nettolohnverteilungen 
der Länder führen. 
Zu d iesem Zweck werden im Ab­
schnitt 2 die unterschiedlichen Formen 
zur Sicherung von Mindesteinkommen 
sowie die Typologie Bonolis vorgestellt. 
ln den Abschnitten 3 und 4 folgen die 
empirische Analyse zur Beantwortung 
53 1
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.