Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2006 Heft 4 (4)

32. Jahrgang (2006), Heft 4 
nentaleuropäischen Staaten,  die als 
trad itionelle Sozial- und Wohlfahrts­
staaten gelten. 
Das Problem der arbeitenden Armen 
(working poor) lässt sich allerdings mit 
dem gesetzlichen Mindestlohn allein 
n icht bekämpfen. Entscheidend sind 
in Staaten mit schwacher tarifvertrag­
licher Lohnregul ierung v. a. die sozial­
und steuerpolitischen Flankierungs­
maßnahmen, da eine wesentliche 
Schwäche des gesetzl ichen Mindest­
lohns, der ja ohne Bedürftigkeitsprüfung 
gewährt wird, die geringe Zielgenau­
igkeit ist. Für Gewerkschaften stellen 
gesetzliche Mindestlohnregul ierungen 
grundsätzlich eine zweitbeste ("se­
cond-besf') Lösung dar, da diese eine 
Beeinträchtigung ihrer tarifpolitischen 
Kompetenz bedeuten. Trotzdem wird 
beispielsweise in Deutschland, wo das 
System des Flächentarifvertrags von 
beträchtlichen Erosionstendenzen be­
troffen ist, der N iedriglohnsektor seit 
den 1 990er Jahren stark angewach­
sen und die Verhandlungsmacht der 
Gewerkschaften zurückgegangen ist, 
die Einführung eines gesetzlichen Min­
destlohns von einigen Gewerkschaften 
und politischen Parteien gefordert. 
ln welchem Ausmaß Umvertei lungs­
effekte durch Mindestlöhne erzielt 
werden , hängt vom Niveau und der 
Höhe der Steigerungsraten ab. Die 
wichtigsten Kriterien zur Einschätzung 
möglicher Vertei lungseffekte sind zum 
einen der Anteil des Mindestlohns am 
nominalen Durchschnittslohn und zum 
anderen die Koppelung der Mindest­
lohnsteigerungen an die Entwicklung 
der Reallöhne. ln allen EU-Mitglied­
staaten l iegt das N iveau der monatli­
chen Mindestlöhne bei unter 50% der 
durchschnittl ichen Monatslöhne, wobei 
die Mindestlöhne in I rland, Luxemburg 
und Malta am höchsten, in den bal­
tischen Staaten, den USA und Groß-
Wirtschaft und Gesellschaft 
britannien sowie der S lowakei relativ 
am niedrigsten sind. 
Was die Höhe der Mindestlöhne be­
trifft, muss diese unter Bezugnahme 
auf die von Europäischer Kommission 
und Europäischem Parlament formu­
lierte Richtgröße zur Umsetzung der 
Europäischen Sozialcharta (1 989), 
nach der ein "gerechter" Mindestlohn 
60% des nationalen Durchschnittsein­
kommens erreichen soll ,2 als sehr be­
scheiden eingeschätzt werden. Obwohl 
die Höhe eines "gerechten" Lohns, 
der eine "angemessene Beteiligung" 
der Arbeitnehmer am sozialen Leben 
sichert, normativen Vorstellungen un­
terliegt, ist die Tauglichkeit des gesetz­
l ichen Mindestlohns als I nstrument zur 
Armutsbekämpfung auf Grund seines 
niedrigen realen Wertes - in mehr als 
der Hälfte der EU-25-Staaten liegt der 
gesetzliche Mindestlohn unter 40% 
des Durchschnittseinkommens - zu 
bezweifeln.3 
Ähn l iches gi lt für die Effektivität der 
Umvertei lungswirkung von Mindest­
löhnen. Da in der überwiegenden 
Mehrheit der Staaten mit gesetzlicher 
Mindestlohnregul ierung eine Abkoppe­
lung der Entwicklung der Mindestlöh­
ne von der durchschnittlichen realen 
Lohnentwicklung zu beobachten ist, 
die sich seit dem Beginn der 1 990er 
Jahre noch verstärkt hat, ist von einem 
maßgeblichen Einfluss auf die Lohn­
struktur n icht auszugehen. Über eine 
relativ egalitäre Lohnstruktur verfügt 
Frankreich, da dort die Mindestlöhne in 
regelmäßigen Abständen über die ge­
setzlich festgelegte Mindestnorm zur 
Sicherung des Kaufkraftzuwachses 
hinaus erhöht werden. 
Ein explizites Umvertei lungsziel be­
steht nach wie vor in den skandina­
vischen Ländern , deren Lohnstruktur 
ein hohes Maß an Egalität aufweist. 
Wie die verschiedenen Beiträge des 
585
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.