Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2006 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 
Ein Leben für die 
gewerkschaftliche Frauenpolitik 
Rezension von: Agnes Broessler, Es hat 
sich alles mehr um's Politische gehandelt! 
Wilhelmine Moik. Ein Leben für die 
gewerkschaftliche Frauenpolitik, ÖGB­
Verlag, Wien 2006, 1 84 Seiten, € 28,50. 
Wilhelmine Moik war eine der bedeu­
tendsten Frauen in der Geschichte der 
Österreichischen Gewerkschaftsbewe­
gung. Agnes Broessler schließt mit ih­
rem Buch über die Vorkämpferin für die 
Gleichberechtigung der Frauen eine 
Forschungslücke. Gleichzeitig bietet die 
Biographie auch Informationen über die 
politische und soziale Entwicklung in 
Österreich: Die Zeitreise führt von der 
Zwischenkriegszeit im "Roten Wien" 
über die Zeit des Austrataschismus und 
Nationalsozialismus bis in die 60er Jah­
re der Zweiten Republik. 
Tod als "Betriebsunfall" 
Gleich am Beginn des Buches kon­
frontiert Broessler die Leserinnen mit 
der Situation der Arbeiterinnen in den 
30er Jahren. "Die Wirkungen dieser 
Benzoldämpfe sind furchtbare. Sie zer­
stören den blutbildenden Organismus, 
zerfressen das Knochenmark, [ . . .  ] und 
die Arbeiterinnen haben alle so lang 
bluten müssen, bis im Körper kein Blut 
mehr vorhanden war", zitiert die Autorin 
aus einer Rede eines Chemiearbeiter­
gewerkschafters. Weil der Besitzer einer 
Wiener Neustädter Gummifabrik sämt­
liche Sicherheitsbestimmungen miss­
achtet hatte, starben mehrere Arbeite­
rinnen einen qualvollen Vergiftungstod, 
andere kämpften monatelang im Spital 
um ihr Überleben. Zur Organisation von 
Hi lfsmaßnahmen reisten zwei Gewerk­
schafterinnen nach Wiener Neustadt: 
594 
32. Jahrgang (2006), Heft 4 
Rosa Jochmann und Wilhelmine Moik. 
Danach folgt eine Rückblende auf 
die Kindheit und Jugend von Wilhel­
mine Moik: 1 894 als viertes von neun 
Geschwistern in Wien-Ottakring aufge­
wachsen, arbeitet sie schon früh in der 
Heimwerkstätte ihrer Mutter als Weiß­
näherin. Vater und Mutter engagieren 
sich für die Sozialdemokratische Partei, 
und auch Wilhelmine tritt bereits mit 1 8  
i n  die Gewerkschaft und die Partei ein. 
Vier Jahre später wird sie hauptamtliche 
Mitarbeiterin im Verein der Heimarbeite­
rlnnen. 
Bei der Gründung einer eigenen Frau­
ensektion im Bund der Freien Gewerk­
schaften im Jahr 1928 ist Wilhelmine 
Moik ebenfalls mit dabei: Geleitet wird 
die Frauensektion von Anna Boschek, 
Wilhelmine Moik ist ihre enge Mitarbei­
terin und dürfte sich von ihrer Lehrerin 
auch einen gewissen Pragmatismus an­
geeignet haben. Über Boschek schreibt 
Broessler, "dass sie bei ihren berufl ichen 
Aktivitäten eine Strategie der Mitte wähl­
te und die Zerreißprobe zwischen Ge­
werkschaftsinteressen und Frauenfor­
derungen vermittelnd durchzustehen 
versuchte." 
Auch Moik war stets um Ausgleich be­
müht, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, 
als die heimkehrenden Männer die Frau­
en aus dem Berufsleben zu verdrängen 
drohten. Moik betonte damals das Recht 
aller, auch der Frauen, auf Arbeit, ver­
langte, dass beim "Abbau" der Frauen 
"soziale Gesichtspunkte" berücksichtigt 
werden müssten, setzte sich aber auch 
für die Rückführung der Frauen in ty­
pische Frauenberufe ein. 
Zurück zur Ersten Republik: Nicht 
nur als Gewerkschafterin erlebt Moik 
den aufkeimenden Faschismus und die 
Verschärfung der politischen Lage: Ab 
1 932 sitzt sie auch für die Sozialdemo­
kratische Partei im Wiener Gemeinde­
rat. Sie bekommt damit aus nächster
        

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