Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2007 Heft 3 (3)

33. Jahrgang (2007), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft
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nicht durch den „Gegensatz“ von Arbeit 
und Kapital konstituiert – der stellt eher 
eine Friktion in seiner Entwicklung dar 
–, sondern durch die Trennung der bei-
den: also die Konzentration von Kapital 
auf  der einen und das Vorhandensein 
eines Angebots an unselbständigen 
Arbeitskräften auf  der anderen Seite.
Natürlich konnten die Mönche nicht 
auf  die Resultate der wissenschaft-
lichen Revolution zurückgreifen. Na-
gel weist jedoch selbst wiederholt 
darauf  hin, dass ihnen eine Pionier-
rolle in der Anwendung des zeitge-
nössischen technischen Fortschritts 
zukam. Hier kann man sogar eine ge-
wisse Ähnlichkeit sehen. Und damit 
nähert man sich eigentlich der zentra-
len Frage: Beeinflussten die Zisterzi-
enser durch ihr quasikapitalistisches 
Verhalten den protokapitalistischen 
Entwicklungsprozess? Nagel scheint 
dies implizit zu bejahen, wenn er da- 
rauf  hinweist, dass die Arbeitstech-
niken der Mönche auf  die Agrarwirt-
schaft generell ausstrahlten. Zwar 
enthält die Arbeit keine empirischen 
Belege dafür, doch liegt dieser Schluss 
nahe. Weiters könnte man überlegen, 
ob der Absatzorganisation, den Ver-
kaufshöfen, nicht Vorbildcharakter für 
den internationalen Handel im Mittel-
alter zukam. Jedenfalls fanden sich 
solche Verkaufsniederlassungen fast 
in allen größeren Städten.
Der Autor stellt mehrmals die Dyna-
mik der Zisterzienser dem statischen 
Verhalten der Zünfte gegenüber. Auch 
diese Überlegung trifft grundsätzlich 
zu. Die Zünfte leisteten nur insofern ei-
nen Beitrag zum kapitalistischen Ent-
wicklungsprozess, als sie selbstverwal-
tete Körperschaften repräsentierten, 
mit vielen individuellen Rechten. Die 
Träger des protokapitalistischen Fort-
schritts waren aber nicht sie, sondern 
der überregionale Handel. Hier ent-
wickelte sich der Typ des Kapitalisten, 
also jener Person, welche die Produk-
tionsfaktoren kombiniert, um Einkom-
mensmaximierung zu erzielen, und 
zwar unter Einsatz des technisch-or-
ganisatorischen Fortschritts, mit wohl-
definierten Eigentumsrechten agie-
rend. Aus dieser Bevölkerungsgruppe 
entstanden, wenngleich mit wechseln-
den regionalen Schwerpunkten, die 
Unternehmer des Industriezeitalters. 
Schon Sombart hat diese Entwicklung 
herausgearbeitet – und daher den An-
satz Max Webers als unzutreffend ab-
gelehnt. Daneben blieben die Zisterzi-
enser eine – interessante – Episode, 
die nichtsdestoweniger dem protoin-
dustriellen Entwicklungsprozess wich-
tige Impulse vermittelte.
Ein äußerst verdienstvolles Buch, 
das die wirtschaftshistorische Diskus-
sion belebt.
Felix Butschek
        

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