Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2008 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 34. Jahrgang (2008), Heft 3
424
Wirtschaftspolitik im Rückblick 
von Zeitzeugen
Rezension von: Jörg Mahlich, Robert 
Schediwy (Hrsg.), Zeitzeugen und  
Gestalter der österreichischen Wirt-
schaftspolitik, LIT-Verlag, Wien 2008, 
246 Seiten, € 24,90.
Mehr als sechs Jahrzehnte nach 
dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist 
auf die Generation von Politikern, die 
in der Periode des Wiederaufbaus die 
Entscheidungsverantwortung hatten, 
längst eine nächste Generation gefolgt, 
welche die Kriegs- und Nachkriegszeit 
noch im Kindes- und Jugendalter mit-
erlebt hat, und auch diese Generation 
hat sich zum überwiegenden Teil aus 
der aktiven Politik zurückgezogen.
Die vorliegende Publikation doku-
mentiert eine Serie von Gesprächen 
mit Politikern bzw. Ökonomen der 
Jahrgänge 1922 bis 1942, die ihre je-
weilige persönliche Sicht der Entwick-
lungen auf verschiedenen Gebieten 
wiedergeben, jeweils mit Blick auch 
auf Gegenwart und Zukunft. Von den 
zehn Interviewten gehört einer (Alois 
Mock) der Kategorie der „Nur-Politiker“ 
an, einer (Erich Streissler) jener der 
„Nur-Wissenschaftler“, während die 
übrigen acht (Maria Schaumayer, Jo-
hann Farnleitner, Otto Keimel, Herbert 
Krejci, Ferdinand Lacina, Hans Seidel, 
Josef Taus und Franz Vranitzky) in ih-
rer Laufbahn zwischen Funktionen in 
Politik, Wirtschaftsunternehmungen, 
Interessenvertretungen, Forschungs-
institutionen und Printmedien hin und 
her gewechselt haben. Insgesamt 
steht daher in den Interviews die Ex-
pertenperspektive im Vordergrund, 
allerdings deutlich geprägt durch die 
realen Erfahrungen von Problemen, 
Erfolgen und auch Misserfolgen. Die 
Interviewer haben auch jeweils Fra-
gen nach familiärem Hintergrund und 
Kindheitserinnerungen gestellt. Die 
folgende Besprechung konzentriert 
sich jedoch auf wirtschaftspolitische 
Themenstellungen wie Wiederaufbau-
phase, goldenes Zeitalter der österrei-
chischen Wirtschaftsgeschichte und 
die anschließende Zeit der Wachs-
tumsschwäche, die ordnungspolitische 
Diskussion, die Rolle der Sozialpart-
nerschaft, EU-Beitritt und Zukunft des 
vereinten Europa.
Im Kontrast zur üblichen heroisie-
renden Darstellung der Wiederauf-
bauphase steht die Charakterisierung 
durch Hans Seidel, der gleich nach 
seiner Rückkehr aus der Kriegsge-
fangenschaft in das Institut für Wirt-
schaftsforschung eingetreten war und 
nach der Auflösung des Ministeriums 
für Wirtschaftsplanung und Vermö-
genssicherung 1949 einige Jahre auch 
für die ERP-Kommission tätig war. Die 
Nachkriegsgeneration bewältigte die 
Aufgabe des Wiederaufbaus dadurch, 
dass „die Menschen die Trümmer fort 
(räumten) und business as usual be-
gannen“ (S. 160). In dieser Sicht liegt 
das Wirtschaftswunder der Nach-
kriegszeit, das Österreich ab Mitte der 
Fünfzigerjahre zwei Jahrzehnte hohen 
Wirtschaftswachstums und anhalten-
der Prosperität brachte, primär darin, 
wie der Wiederaufbau mit seiner Dy-
namik quasi zum Selbstläufer werden 
konnte. Mit seiner Westorientierung 
war Österreich Teil der prosperieren-
den westeuropäischen Wirtschaft, 
sodass man hier eigentlich nach dem 
spezifischen Beitrag der Wirtschafts-
politik in Österreich fragen muss. Ös-
terreich hat zweifellos einen eigenstän-
digen Weg gefunden, der freilich nie so 
klar als wirtschaftspolitisches Konzept 
gefasst wurde wie etwa die Soziale
        

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