Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2008 Heft 3 (3)

34. Jahrgang (2008), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft
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Editorial
Das Europäische System der Zentralbanken – 
Anmerkungen zu den ersten zehn Jahren
Die dritte Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion ist ein Meilen-
stein der europäischen Integration. Angesichts des Verfalls des US-
Dollar-Kurses und der derzeitigen weltwirtschaftlichen Ungleichgewich-
te braucht es nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie die europäische 
Welt aussähe, befänden wir uns noch im Europäischen Währungssys-
tem (EWS). Häufige Wechselkursveränderungen, welche durch diver-
gierende Inflationsraten – mit „schleichenden“ Verzerrungen im bin-
neneuropäischen Handel – immer wieder notwendig geworden waren, 
hatten zu abrupten Verzerrungen in die Gegenrichtung geführt, und 
das EWS konnte die spekulativen Attacken in der ersten Hälfte der 
Neunzigerjahre nur mit sehr erweiterten Bandbreiten überleben. Eine 
Konstellation mit Zentralbanken unterschiedlicher Reputation und geld-
politischer Ausrichtung, Inflations- und Wachstumsdifferenzialen zwi-
schen den einzelnen Ländern, nervösen Finanzmärkten sowie einer 
mittlerweile um ein Vielfaches gestiegene Liquidität und Risikofreude 
würde die EWS-Krisen der Neunzigerjahre wahrscheinlich verblassen 
lassen – mit all ihren Auswirkungen auf Binnenhandel, Direktinvestitio-
nen und Realwirtschaft.
Erfreulich ist auch, in welche Richtung die beitretenden Währungen 
konvergiert haben. Vor dem Beginn der dritten Stufe war es keineswegs 
sicher, dass Inflation und vor allem die langfristigen Zinsen zum unteren 
Ende hin konvergieren würden. Dass dies gelang, hat freilich einerseits 
seinen Preis und ist andererseits wahrscheinlich allen drei makroöko-
nomischen Akteuren gleichermaßen zuzuschreiben: Die Fiskalpolitik 
unterwarf sich strengen und diskussionswürdigen Regeln, die Lohn-
politik musste sich angesichts des verschärften Standortwettbewerbs 
sehr schnell anpassen (auch wenn noch nicht alle in der Geldpolitik 
dies bemerkt haben dürften, weil sie von der Gefahr einer Preis-Lohn-
Preisspirale oder – vornehmer – von Zweitrundeneffekten sprechen), 
und die EZB konnte – nicht nur was die Reputation betrifft – das Erbe 
der Bundesbank antreten.
Aber – und das ist der entscheidende Unterschied zum alten, asym-
metrischen und spekulationsanfälligen Währungssystem für die wäh-
rungspolitische Integration – das Ganze ist mehr als die Summe der 
Einzelteile. Denn die Eurozone ist keine kleine offene Volkswirtschaft. 
Die Geldpolitik hat damit auf der europäischen Ebene mehr Hand-
        

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