Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2009 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 35. Jahrgang (2009), Heft 4
614
Die „General Theory“  
nach siebzig Jahren
Rezension von: L. Randell Wray,  
Mathew Forstater (Hrsg.), Keynes and 
Macroeconomics after 70 Years. Critical 
Assessments of The General Theory, 
Edward Elgar, Cheltenham 2008,  
352 Seiten, gebunden, ? 89,95.
Dies ist der Tagungsband zu einer 
großen Konferenz, die 2006 anlässlich 
des 70-Jahr-Jubiläums der Veröffent-
lichung von Keynes’ „General Theory 
of Money, Interest and Employment“ 
an der University of Missouri-Kansas 
City (UMKC) stattfand. Der Ort ist kein 
Zufall. UMKC ist eine der wenigen Uni-
versitäten mit einem Ökonomie-De-
partment mit ausgeprägt postkeyne-
sianischer Ausrichtung, wenn auch 
mitunter einer etwas eigenwilligen 
Spielart des Postkeynesianismus. So 
ist UMKC bekannt für die provokanten 
Forderungen, dass der Staat die Rolle 
eines Employer of Last Resort spielen, 
also alle (!) Arbeitslosen beschäftigen 
soll, und die nominellen Zinssätze auf 
null reduziert werden sollten. Gleich-
zeitig ist der überaus erfolgreiche (und 
auch identitätsstiftende) elektronische 
„Heterdox Economics Newsletter“ an 
der UMKC entstanden (er soll alsbald 
an das Buffalo State College „über-
siedeln“). Allerdings sind nur wenige 
Beiträge (und die Einleitung mit kurzen 
qualifizierenden Kommentaren zu den 
Beiträgen) dem UMKC-Ansatz zuzu-
ordnen. Wohl aufgrund der Lage des 
Tagungsorts sind die US-amerikani-
schen, lateinamerikanischen und aus-
tralischen Beiträge besonders stark 
repräsentiert.
Der Band enthält, neben der Einlei-
tung, 19 Beiträge, die in fünf Abschnit-
te gegliedert sind: „Keynes and Heter-
dox Economics“, „Founding Fathers of 
Post Keynesian Economics“, „Keyne-
sian Models“, „Keynesian Policy“ und 
„Modern Developments and Extensi-
ons of Keynesian Economics“. Ein Teil 
der Beiträge behandelt die Interpreta-
tion oder Reformulierung von Keynes’ 
ursprünglichen Schriften. So diskutiert 
André Lourence die Volatilität der In-
vestitionsausgaben bei Keynes und 
Minsky (Kapitel 3), Lino Sau behandelt 
die fehlenden selbststabilisierenden 
Eigenschaften von Lohn- und Preis-
anpassungen bei Keynes und Kale-
cki (Kap. 4), Carlo Panico analysiert 
Keynes’ Argumente hinsichtlich der 
Beeinflussbarkeit von Zinssatz und 
Geldmenge im „Treatise on Money“ 
und der „General Theory“ (Kap. 10), 
Wenge Huang reinterpretiert Keynes’ 
Theorie der Liquiditätspräferenz (Kap. 
16).
Ein anderer Teil der Beiträge ver-
sucht keynesianisch inspirierte Ana-
lysen aktueller Fragen zu entwickeln. 
So widmet sich der Beitrag von John 
King (Kap. 1) der Frage, wie sehr sich 
die Mainstream-Makroökonomie in 
den letzten Jahren verändert hat und 
wie sehr sie keynesianische Elemente 
enthält. J. W. Nevile und Peter Kreisler 
(Kap. 19) beleuchten die unterschied-
lichen Bedeutungen und Rollen von 
Erwartungen in der Mainstream-Öko-
nomie und bei Keynes hinsichtlich der 
Erklärung von Arbeitslosigkeit. Colin 
Richardson und Jerry Courvisanos 
(Kap. 7) sowie Luciano Dias Carvalho 
und José Luis Oreiro (Kap. 9) stellen 
keynesianische Makromodelle vor. 
Edwin Le Heron (Kap. 18) analysiert 
Geld- und Fiskalpolitik im Rahmen ei-
nes so genannten stock-flow-konsis-
tenten Modells. Bokhyun Cho (Kap. 
13) geht der Frage nach, wie sich die 
finanziellen Deregulierungen der letz-
ten Jahrzehnte auf das Investitionsver-
        

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