Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2
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Eine Einführung in die  
„sozioökonomischen“ Klassiker
Rezension von: Karl Bachinger,  
Herbert Matis, Entwicklungsdimensionen 
des Kapitalismus. Klassische sozio- 
ökonomische Konzeptionen und Analy-
sen (UTB 3074), Böhlau Verlag, Wien-
Köln-Weimar 2009, 680 Seiten, € 35,90.
Das Unbehagen mit dem neoklassi-
schen Mainstream in den Wirtschafts-
wissenschaften befördert schon gerau-
me Zeit mehr oder minder alternative 
Schulen und Ansätze, die allerdings 
bei näherem Hinsehen häufig das The-
oriegebäude neoklassischen Denkens 
nicht oder kaum verlassen. Bei der 
Suche nach Alternativen landet man 
zumindest als WirtschaftshistorikerIn 
oder als an langfristigen Veränderun-
gen interessierte(r) MakroökonomIn 
häufig in der klassischen politischen 
Ökonomie. Gerade wirtschaftshisto-
rische Studien belegen häufig, dass 
sich die „ökonomischen Klassiker“ und 
jene Richtungen der modernen Sozi-
al- und Wirtschaftswissenschaften die 
auf wirtschaftssoziologischer oder his-
torischer Basis ihre Thesen entwickelt 
haben, als „Quellen“, aber auch hin-
sichtlich ihres analytischen Potenzials 
gewinnbringend nutzen lassen. Diese 
Erkenntnis ist natürlich nicht neu, ist es 
aber wert, gerade im gegenwärtigen 
Lehr- und Wissenschaftsbetrieb ent-
sprechend Beachtung zu finden.
Vor diesem Hintergrund haben die 
beiden Wiener Wirtschaftshistoriker 
Karl Bachinger und Herbert Matis eine 
Einführung in den klassischen Ent-
wicklungsdiskurs verfasst, der als anti-
neoklassische Dogmengeschichte mit 
wirtschaftshistorischen Erläuterungen 
charakterisiert werden kann. Ihre Basis 
ist die Sozioökonomik, eine rezente in-
terdisziplinäre Richtung in den Sozial- 
und Wirtschaftswissenschaften, wel-
che die Wechselwirkungen zwischen 
Gesellschaft und Wirtschaft betont 
und wirtschaftliches Handeln in seiner 
gesellschaftlichen Interaktion auf der 
Ebene der Individuen, Unternehmen, 
Volkswirtschaften und der Weltwirt-
schaft untersucht. Zu den „Sozioöko-
nomikern“ zählen daher neben zahlrei-
chen Ökonomen im engeren Sinn etwa 
auch Persönlichkeiten wie Max Weber, 
der nach modernen Kategorien eher 
der Wirtschaftssoziologie zuzurechnen 
wäre, oder der Wirtschaftshistoriker 
und Soziologe Immanuel Wallerstein.
Im Aufbau des Bandes ist die Glie-
derung eines für die universitäre Lehre 
entwickelten Manuskripts erkennbar. 
Am Ende jedes Kapitels befinden sich 
ein Literaturüberblick mit Primär- und 
Sekundärliteratur sowie Auszüge aus 
wichtigen Quellen. Im Text werden die 
jeweils vorgestellten Autoren ausführ-
lich zitiert.
In der Einleitung des Bandes werden 
die Megatrends der sozioökonomi-
schen Entwicklung – der demografi-
sche Übergang, Wachstumszyklen der 
Weltwirtschaft, neolithische, industriel-
le und postindustrielle Revolutionen – 
als historischer Hintergrund des sozio-
ökonomischen Entwicklungsdenkens 
skizziert, um dann auf wichtige Ver-
treter dieses Diskurses überzuleiten: 
Marx, Schumpeter, Weber, Rostow, 
Wallerstein, Gerschenkron, Prebisch, 
Sen und einige andere mehr.
Die folgenden Hauptabschnitte sind 
ausgewählten „klassischen“ Sozio-
ökonomikern gewidmet: Adam Smith, 
Friedrich List und Kaname Akamatsu, 
Karl Marx, Max Weber und Joseph 
Schumpeter. In diesen Abschnitten 
werden Grundaussagen der jeweiligen 
„Klassiker“ referiert und schließlich kri-
        

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