Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2
282
Ernest Mandel
Rezension von: Jan Willem Stutje, Rebell 
zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel 
(1923-1995), VSA-Verlag, Hamburg 2009, 
470 Seiten, € 39,80.
„The intellect of man is forced to choose
perfection of the life or of the work“ 
(William Butler Yeats)
Ernest Mandel war ein unorthodoxer 
marxistischer Theoretiker und ein radi-
kaler Politiker, der großen internationa-
len Einfluss auf die „68er-Generation“ 
ausübte. Er war aber auch ein beachte-
ter Wissenschaftler; so gehören seine 
Bücher „Marxistische Wirtschaftstheo-
rie“ und „Der Spätkapitalismus“ zu den 
meistgelesenen Texten des westlichen 
Marxismus. Jan Willem Stutje erhielt 
als erster Zugang zu den Mandel-Ar-
chiven. Er gewann aus Interviews mit 
Zeitgenossen fesselnde und zuweilen 
bestürzende Fakten. Diese Biografie 
gewährt einen Einblick in die Arbeits-
weise Mandels und seine Begegnun-
gen mit Jean-Paul Sartre, Ernst Bloch, 
Roman Rosdolsky, Perry Anderson 
und vielen anderen. Jedoch stellt die 
vorliegende Untersuchung auch die 
tragischen Seiten in Mandels Leben 
dar – von der Haft in deutschen Ge-
fängnissen und Arbeitslagern in der 
NS-Zeit bis hin zum unglücklichen Tod 
seiner ersten Frau.
Blicken wir auf Mandels Lebensquel-
len, dann scheinen drei Motive ele-
mentar zu sein. Erstens bewegt ihn ein 
spontaner Widerstand gegen Unrecht 
und Unterdrückung. Die großherzige 
Solidarität seines Vaters und das Bei-
spiel der deutschen Flüchtlinge, die 
er in den 1930er-Jahren kennenlern-
te, inspirierten ihn, sich für die Arbei-
terklasse und deren Emanzipation zu 
entscheiden. Zweitens motivierte ihn 
ein ebenso spontanes Bedürfnis, die 
Wirklichkeit als Voraussetzung ihrer 
Veränderung zu untersuchen. Ein Rati-
onalismus in der klassischen marxisti-
schen Tradition, in der kein prinzipieller 
Unterschied zwischen Wissenschaft 
und Ideologie bestand – Elemente, die 
die Arbeiterklasse für ihre Befreiung 
brauchte. Und drittens lernte er schon 
jung die Welt aus der Idee des Klas-
senkampfes zu verstehen, die Welt und 
die Geschichte als einen widersprüch-
lichen Prozess zu begreifen, in dem 
Evolution und Revolution, Revolution 
und Konterrevolution um den Vorrang 
stritten und dessen Verlauf nicht mit Si-
cherheit vorauszusagen war.
Mandel verfügte über ein  außerge-
wöhnliches intellektuelles und literari-
sches Talent. Bis an sein Lebensende 
blieb er kreativ und bemühte sich, den 
Spätkapitalismus, auch in seiner Phase 
des Niedergangs seit den 70er-Jahren, 
und die Entwicklung in Osteuropa nach 
1990 zu ergründen. Mandel war ein 
Optimist, Tagträumer und Träumer der 
Revolution. Ebenso wie Ernst Bloch 
charakterisierte er den Menschen als 
einen homo sperans, inspiriert von 
dem Prinzip Hoffnung, einer Prophetie 
des Möglichen. Grenzenlos war sein 
Glaube an die menschliche Kreativität 
und Solidarität. Dieses machte Mandel 
zu einem revolutionären Marxisten, der 
ebenso wie Trotzki dem subjektiven 
Faktor eine Hauptrolle zumaß bei der 
Überwindung dessen, was er als das 
Drama des 20. Jahrhundert auffasste: 
den Gegensatz zwischen der Reife der 
objektiven revolutionären Vorausset-
zungen und der Unreife des Proletari-
ats und seiner Vorhut.
Mandel war ein Ökonom mit einem 
starken ideologischen Engagement. 
Er war dabei keine Ausnahme. Selbst
        

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