Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2
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darstellungen ermöglicht. Pensionsfonds haben Spielkapital bereitgestellt. 
Und man wollte nicht wahrnehmen, dass Finanzmärkte anders funktionie-
ren als Gütermärkte.
Immerhin gab es im betrachteten Zeitraum mehrere größere Krisen, 
zunächst an der Peripherie, von Lateinamerika bis Ostasien; dann aber 
auch im Herzen des westlichen Systems. Erstens haben die Fusionen 
der Neunzigerjahre gezeigt, wie sich vereinzelt kurzfristig hohe Gewinne 
lukrieren lassen; aber letzten Endes landeten diese Projekte fast durch-
wegs im Verlustsektor. Zweitens platzte nach der Jahrhundertwende die 
große IT-Blase, die dot.com-Krise brach aus. Als Drittes folgte der Immo-
bilienboom, der seit 2007 Stück für Stück zusammengebrochen ist und 
zum Vorspiel und Auftakt der gegenwärtigen Wirtschaftskrise gehört. Das 
Paradigma einer endgültig beherrschbaren Ökonomie ist in den letzten 
Jahren zerbröselt. Nur die Politik muss aus Marketinggründen so tun, als 
hätte sie diese Prozesse im Griff.   
Der Mainstream der akademischen Ökonomie hat zu diesen Verände-
rungen nicht viel zu sagen. Beschreibungen ökonomischer Rationalität 
und Berechenbarkeit kollidieren mit der Wahrnehmung manisch-depressi-
ver Märkte und hasardierender Institutionen. Beschreibungen selbstregu-
lierender Märkte kollidieren mit den Bildern ihrer erratischen Zuckungen. 
Beschreibungen der Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit ökonomi-
scher Entscheidungen kollidieren mit einer Wirklichkeit, in der es nach der 
Wahrnehmung vieler Beobachter um die Privatisierung der Gewinne und 
die Sozialisierung der Verluste geht.
Die Finanzwirtschaft hat sich offensichtlich von der Realwirtschaft ab-
gelöst. Während die Performanz der Realwirtschaft, gemessen an Pro-
duktivität und Profitrate, nicht allzu beeindruckend erschien, glaubte man, 
einen neuen ökonomischen Kontinent gefunden zu haben, auf dem sich 
ungeahnte Schätze heben ließen. An die Stelle des früheren Konjunktur-
zyklus ist deshalb der Zyklus der Blasen, der „bubble cycle“, getreten. Es 
handelt sich um Märkte, die nicht, wie übliche Märkte, dem Gleichgewicht 
zustreben, sondern die systematisch Booms und Krisen produzieren. Sie 
funktionieren durch Blasen, und diese stellen ein neues Verteilungsspiel 
dar: Investoren glauben, nicht zu Unrecht, auf diese Weise mehr aus den 
Produktionsprozessen herausziehen zu können als durch die üblichen 
Geschäfte. Alle halten die Augen offen nach neuen gewinnträchtigen 
Booms, und wegen der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen werden 
diese auch stattfinden. Der „schwere“ Kapitalismus wurde nicht nur durch 
den „leichten“ Kapitalismus des Wissens und der Virtualität ersetzt, son-
dern durch einen „federleichten“ Spekulationskapitalismus.24
Die Show geht weiter. Die Wirtschaftskrise war ein kurzer Dämpfer, mitt-
lerweile ist die Wall Street zurück. Die jüngste Wanderung des Kapitals 
erfolgt möglicherweise zu den Rohstoffen, wo die nächste „Blase“ stattfin-
        

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