Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

36. Jahrgang (2010), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
163
heit wird im Kaufrausch niedergedröhnt. Das wichtigste Erlebnis: Kaufen. 
Identitätsaufbau durch Kaufen. Lebensglück durch Kaufen.33 Das Mone-
täre wird zur Universalkategorie: Museen legitimieren sich durch Besu-
cherzahlen. Gute Wissenschaft misst sich an Drittmitteln. Wenn es keine 
anderen Maßstäbe mehr gibt, bleibt nur Geld als Maßstab.
Aber der Mensch als (politischer) Bürger ist ein anderer als der Mensch 
als Produzent oder Käufer, der Wissenschaftler lebt in einer anderen Prin-
zipienwelt als der Manager, der Arzt in einer anderen Welt als der Priester 
oder der Marketing-Fachmann – oder zumindest bisher war es so. Der 
ökonomische Reduktionismus (alles ist ein Markt; alle Prozesse lassen 
sich als Angebots- und Nachfrageprozesse abbilden; alles lässt sich nach 
dem Schema des Managements behandeln) ebnet alle Sphären im Me-
dium der Vermarktlichung ein – und dann darf man sich nicht wundern, 
wenn letzten Endes auch Ärzte und Wissenschaftler, Beamte und Politiker 
nur noch am Geld interessiert sind (und ihre eigentlichen Aufgaben so 
zurechtbiegen, dass sie auf die monetäre Schiene geraten). Die postmo-
derne westliche Gesellschaft wird zunehmend zu einer, in der man nur 
Gelächter erntet, wenn man vom „Gemeinwohl“34 spricht. Das könnte nicht 
nur zu ungerechter Verteilung führen (was ohnehin nur wenige bewegt), 
sondern diese Gesellschaft könnte auch ein zu geringes Maß an Krisen-
bewältigungsfähigkeit aufweisen.
5. Das Ende der Mittelschichtgesellschaft
5.1 Von Kuznets zum U-Turn
Mit dem „Wirtschaftswunder“ des letzten halben Jahrhunderts können 
die westlichen Staaten zufrieden sein, trotz aller Jammereien. Tatsächlich 
wurden eine Vervielfachung des Sozialprodukts zustande und eine blü-
hende spätmoderne Industrielandschaft und Wissensgesellschaft hervor-
gebracht. Westeuropa ist (zusammen mit den USA und einigen weiteren 
„Inseln“) der Luxusklub – im zeitlichen und örtlichen Vergleich. 
Die wohlbekannte Kuznets-Kurve hat gezeigt,35 dass traditionelle Ge-
sellschaften eine relativ egalitäre Einkommensverteilung aufweisen; dass 
es im Modernisierungsprozess zu einer höheren Ungleichheit kommt, weil 
einige Branchen, Gruppen und Regionen sich rascher entwickeln; und 
dass in einer reifen (industriellen, demokratischen) Gesellschaft wieder 
eine höhere Egalität erreicht wird. Es könnte eine vierte Phase geben, 
jene der Wende, die U-Turn-Phase,36 in der Gesellschaften der zweiten 
Moderne systematisch wieder ein höheres Maß an Ungleichheit hervor-
bringen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass sich schon seit den 
Siebzigerjahren wachsender Wohlstand nicht länger ausgleichend auf die 
Einkommensverteilung auswirkt, vielmehr wird in den reichen Ländern die
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.