Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 2 (2)

36. Jahrgang (2010), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
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BERICHTE UND DOKUMENTE
Kollektive Lohn- 
verhandlungen in Ungarn
Michael Mesch
Die Lohnfestsetzung in Ungarn un-
terscheidet sich wesentlich von jener 
in Österreich. Vor allem sind in Ungarn 
die Kollektivvertragsverhandlungen 
viel stärker dezentralisiert, und die Be-
deutung der kollektiven Lohnverhand-
lungen für die Entwicklung der Effek-
tivverdienste ist viel geringer. Dies hat 
auch mit der Organisationsstruktur der 
Gewerkschaften und der Arbeitgeber-
verbände zu tun. 
Kollektive Lohnverhandlungen fin-
den in Ungarn auf drei Ebenen statt: 
auf der gesamtwirtschaftlichen, der 
Branchen- und der Unternehmens-
ebene. Auf der gesamtwirtschaftlichen 
Ebene beraten die Sozialpartner all-
jährlich mit der Regierung über eine 
Empfehlung bezüglich der Anhebung 
der Kollektivvertragslöhne im privaten 
Sektor und über die Erhöhung des ge-
setzlichen Mindestlohns. Die Verein-
barung von Kollektivverträgen erfolgt 
überwiegend dezentral, d. h. in den 
Unternehmen. Die Branchenebene 
stellt – ganz im Gegensatz zu Öster-
reich – den Schwachpunkt des Lohn-
verhandlungssystems dar. 
Die gesamtwirtschaftliche Ebene
Die nach dem politischen Umbruch 
neu formierten Gewerkschaften, die 
Arbeitgeberverbände aus der Privat-
wirtschaft und die Regierung verein-
barten im August 1990 die Einrichtung 
des dreiseitigen „Interessenabstim-
mungsrates“ (OÉT).1 Seither dient die-
ses Gremium des gesamtwirtschaft-
lichen sozialen Dialogs als Forum für 
Informationsaustausch, Konsultation 
und Begutachtung, Verhandlungen 
sowie den Abschluss von Abkommen 
zwischen den Sozialpartnern und 
dem Staat.2 Die wichtigste gesetzliche 
Grundlage erhielt der OÉT durch das 
Arbeitsgesetzbuch von 1992, welches 
das kollektive Arbeitsrecht des privat-
wirtschaftlichen Sektors an die neuen 
marktwirtschaftlichen Bedingungen 
anpasste.3
Vertreten sind im Interessenabstim-
mungsrat neben der Regierung die 
repräsentativen Gewerkschaftsdach-
verbände und die neun wichtigsten Ar-
beitgeberdachverbände.4
Die Kriterien der Repräsentativität 
von Gewerkschaftskonföderationen, 
deren Erfüllung die Voraussetzung für 
die Teilnahme am sozialen Dialog auf 
gesamtwirtschaftlicher Ebene bildet, 
wurden 1996 folgendermaßen defi-
niert: Ein Dachverband muss in min-
destens drei Branchen auf Landesebe-
ne und in zehn Berufssparten vertreten 
sein, über mindestens fünf regionale 
Organisationen und wenigstens hun-
dert betriebliche Basisorganisationen 
verfügen sowie bei den Betriebsrats-
wahlen mindestens zehn Prozent der 
landesweit abgegebenen Stimmen auf 
sich vereinigen.5
Sechs nationale Gewerkschaftskon-
föderationen erfüllen diese Kriterien 
und sind daher im OÉT vertreten – wo-
raus ersichtlich wird, dass sich die un-
garische Gewerkschaftsbewegung in 
organisatorischer Hinsicht durch einen
        

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