Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
563
KOMMENTARE
Gedämpfte Dramatik
Felix Butschek
Manfred Prisching hat in der Num-
mer 2/2010 dieser Zeitschrift ein 
dramatisches Bild der künftigen Ent-
wicklung unserer Wirtschaft und Ge-
sellschaft entworfen. Er tut das aus 
der stupenden Fülle seines Wissens 
sowie mit imponierendem Tempera-
ment. Er sieht in der gegenwärtigen 
Krise insbesonders der westlichen 
Volkswirtschaften nicht nur den stärks-
ten Rückschlag seit 1945, sondern da-
rüber hinaus das Anzeichen für einen 
fundamentalen Bruch in ihrer lang-
fristigen Entwicklung, mit durchwegs 
negativen Konsequenzen. Selbstver-
ständlich kann man ihm in vielen sei-
ner Erkenntnisse folgen, doch schei-
nen in manchen Bereichen Reserven 
angebracht. Diese scheinen deshalb 
angebracht, weil sich seine pessimisti-
sche Weltsicht ohnehin in vielen Mas-
senmedien wiederfindet und damit 
geeignet erscheint, wirtschafts- und 
sozialpolitische Aktivitäten zu lähmen.
Den konkreten Bemerkungen seien 
einige grundsätzliche Überlegungen 
vorangestellt, die manche seiner Ar-
gumente in Frage stellen. Da ist zu-
nächst festzuhalten, dass Dynamik 
und Flexibilität Hauptmerkmale des 
Kapitalismus darstellen. Im Gegensatz 
zu vorindustriellen Perioden wird er 
durch permanente Veränderungen ge-
kennzeichnet. Diese erfolgen manch-
mal schneller, manchmal langsamer, 
jedoch beständig. 
Solche Wandlungen werden in ho-
hem Maße durch Marktreaktionen 
herbeigeführt. Zwar steht außer Zwei-
fel, dass in den letzten Jahrzehnten 
Wissenschaft und Politik durch eine 
Marktidolatrie charakterisiert wurden, 
die jeden Realitätsbezug vermissen 
ließ. Aber selbst wenn man die Unzu-
länglichkeiten dieses Koordinations-
systems in Rechnung stellt, erweist es 
sich als außerordentlich effizient, ins-
besonders langfristig. Das heißt, dass 
veränderte Knappheitsverhältnisse zu 
einer Reallokation der Ressourcen 
führen. Das mag kurz- bis mittelfris-
tig misslingen, langfristig werden sich 
die erforderlichen Anpassungen voll-
ziehen. Dieser Aspekt wurde in den 
ersten Studien des Club of Rome voll-
ständig übersehen. Sie prognostizier-
ten den Zusammenbruch des kapita-
listischen Wirtschaftssystems nicht für 
die Mitte dieses Jahrhunderts, wie Pri-
sching glaubt, sondern bereits für die 
Jahrhundertwende.
Selbstverständlich ist Prisching bei-
zupflichten, wenn er das unbegrenz-
te Anspruchsdenken kritisiert, und 
gewiss wäre insbesonders unter den 
gegebenen Umständen mehr Zurück-
haltung wünschenswert. Langfristig 
könnten aus  grundlegend veränderten 
Verhaltensweisen jedoch Schwierig-
keiten für die wirtschaftliche Entwick-
lung resultieren. Denn ein weiteres 
zentrales Merkmal des kapitalistischen 
Systems liegt im technischen Fort-
schritt. Dieser ist „Routine“ geworden, 
wie das Landes ausdrückt. Und allein 
dessen Permanenz bewirkt, nach Mei-
nung vieler Ökonomen, eine ständig 
steigende Arbeitsproduktivität von 
etwa 2% real. Damit aber steht cete-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.