Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
569
Small Is Beautiful
Zum 100. Geburtstag von 
Ernst Friedrich (Fritz) Schumacher
Kurt W. Rothschild (1914-2010)
Anfangs der Siebzigerjahre des vo-
rigen Jahrhunderts erschienen zwei 
von Nationalökonomen verfasste Bü-
cher, die sich analysierend und mah-
nend mit den in der Wirtschaftswissen-
schaft vernachlässigten Themen sehr 
langfristiger ökologischer und sozialer 
Folgen des aktuellen Wirtschaftspro-
zesses und des Primats des Wachs-
tumsziels befassten. Beide Bücher wa-
ren ein durchschlagender Erfolg weit 
über den Kreis der Ökonomen hinaus 
und sorgten für anhaltende Diskussio-
nen weltweit, allerdings mit besonde-
rem Schwergewicht im angelsächsi-
schen Bereich. (Beide Bücher waren 
in englischer Spräche abgefasst.)
Das (zeitlich) erste Buch erschien 
1971 unter dem Titel „Limits to Growth“, 
verfasst von den amerikanischen Au-
toren Daniella und Dennis L. Mea-
dows und J. Forrester. Ein Jahr spä-
ter erschien mit einer umfassenderen 
sozioökonomischen Perspektive das 
Buch „Small Is Beautiful. A Study of 
Economics as if People Mattered“ von 
dem in England wirkenden deutschen 
Ökonomen Ernst Schumacher. Ob-
wohl dieses Buch nicht an den durch-
schlagenden Erfolg und die kritischen 
Auseinandersetzungen mit den „Limits 
to Growth“ herankam (nicht zuletzt we-
gen Schumachers weit ausschweifen-
der Betrachtungen1), gehörte es doch 
mit einer Auflage von vier Millionen 
und Übersetzungen in 22 Sprachen zu 
einem der erfolgreichsten Bücher der 
damaligen Zeit,2 das auch heute – und 
gerade heute in dieser Zeit kontrover-
ser Globalisierungstendenzen – eine 
Durchsicht verdient.
Bevor einige Bemerkungen in dieser 
Richtung vorgetragen werden, soll je-
doch Ernst Schumacher, dessen 100. 
Geburtstag heuer gefeiert wird, kurz 
vorgestellt werden.3 Schumacher wur-
de nicht durch Zufall Wirtschaftswis-
senschaftler. Er war „erblich belastet“. 
Sein Vater war Professor der Wirt-
schaftswissenschaft an der Universität 
Bonn, und es war auf seinen Wunsch, 
dass Schumacher das Ökonomie-
studium wählte, obwohl er sich lieber 
einer künstlerischen Laufbahn im Be-
reich von Literatur und Theater gewid-
met hätte. Nichtsdestoweniger war er 
in dem weniger geliebten Studium so 
erfolgreich, dass er – zwanzigjährig 
– das berühmte Rhodes-Stipendium 
der Universität Oxford gewann (er war 
einer der zwei Stipendiaten unter 200 
Bewerbern). Diese zwei Jahre in Eng-
land (1930-32), während denen er mit 
Keynes in Kontakt war, mit dem er auch 
für kurze Zeit während der Kriegsjahre 
zusammenarbeitete, waren prägend 
für seine weitere Karriere. Er „verlieb-
te“ sich in England, und obwohl er nach 
einem weiteren Stipendienjahr an der 
Columbia University in den USA nach 
Deutschland zurückkehrte, entschloss 
er sich 1937, als ihm ein Posten als 
Finanzberater bei Unilever angeboten 
wurde, nach England zu übersiedeln, 
das dann seine permanente Heimat 
wurde.
Die weitere Karriere Schumachers ist 
gekennzeichnet durch seine frühzeiti-
ge Entscheidung, auch im praktischen 
Leben zu stehen und „schöpferisch“ 
tätig zu sein: kein „Elfenbeinturm“ für 
ihn.4 „Reine“ Theorie lockte ihn nicht 
besonders, und er strebte daher keine 
akademische Karriere an, sondern war 
überwiegend gesuchter Wirtschafts-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.