Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 4
588
Die Stadt im 20. Jahrhundert
Rezension von: Vittorio Magnago Lam-
pugnani. Die Stadt im 20. Jahrhundert. 
Visionen, Entwürfe, Gebautes, Wagen-
bach Verlag, Berlin 2010, 2 Bände, 908 
Seiten, broschiert, € 108,20.
Der Gegenstand dieses prächtigen 
Bildbandes ist die Stadt in ihrer archi-
tektonischen Dimension. Keineswegs, 
so der Autor im Vorwort, sollen dabei 
die zahlreichen und komplex miteinan-
der verwickelten Einflüsse übergangen 
werden, die jegliches urbane Gebilde 
bestimmen. Doch bei allem Interesse 
für diese Einflüsse geht es letztlich um 
die Stadt als physische Erscheinung, 
als künstlich geformtes Artefakt, als 
Stück gestalteter Umwelt. 
Das ist seit einigen Jahrzehnten nicht 
mehr selbstverständlich. Die traditions-
reiche Disziplin des Städtebaus hat 
sich in falsch verstandenem Speziali-
sierungswahn aufgesplittert in Stadt-
planung und Architektur. Die Erstere 
hat sich auf die Analyse der Zustände, 
auf die Erfüllung der Verkehrsanforde-
rungen und die Ausweisung der Nutz-
flächen konzentriert, ohne dafür räumli-
che oder gar ästhetische Vorstellungen 
zu entwickeln. Die Letztere ist in die 
Lücke gesprungen und hat begonnen, 
nicht nur einzelne Bauwerke, sondern 
ganze Ensembles zu gestalten, hat da-
bei allerdings oft die Analyse der Be-
dingungen vernachlässigt. Diese Spal-
tung zwischen Analyse und Entwurf, 
zwischen Zahlen und Poesie muss und 
wird rückgängig gemacht werden. Mit 
dieser Perspektive stellt sich das Buch 
seinem Gegenstand.
Um es gleich vorwegzunehmen: 
Die vorliegende Untersuchung ist ein 
Geschichtsbuch, wenn auch ein Ge-
schichtsbuch sui generis. Es will die 
Entwicklung der Architektur der Stadt 
im 20. Jahrhundert darstellen und er-
klären, und dies weitgehend objektiv 
und vollständig. Zugleich will die Un-
tersuchung der Erkenntnis Rechnung 
tragen, dass sowohl Objektivität als 
auch Vollständigkeit in diesem Unter-
fangen unmöglich sind. Spätestens seit 
Hans-Georg Gadamer ist deutlich ge-
worden, dass es keinen neutralen Ort 
gibt, aus dem heraus eine universelle 
Geschichte geschrieben werden kann. 
Sie ist ein Netz von örtlichen Geschich-
ten, von Einflüssen, von Wirkungen der 
Vergangenheit auf die Gegenwart, des 
Subjektiven auf das Objektive. Dem 
ersten Problem, jenem der unweiger-
lichen Subjektivität des Historikers, 
wurde versucht, offensiv zu begeg-
nen. Als konservativer Revolutionär 
beweist der Historiker der gegenwär-
tigen Generation, dass sie mit allen 
Vergangenen zusammenhängt, ver-
mag aber den Anschauungen früherer 
Epochen nur gerecht zu werden, wenn 
er mit den Vorurteilen der eigenen Zeit 
bricht. Zerstörung und Wiederherstel-
lung der Tradition gehören bereits in 
der Quellenkritik zusammen. Dement-
sprechend ist das Buch unumwunden 
aus einer eigenen Position heraus ge-
schrieben; jedoch unter Zuhilfenahme 
verlässlicher Quellen und mit einem 
ausreichenden Maß an Neugierde, um 
auch Phänomene in die Betrachtung 
einzubeziehen, denen der Autor keine 
große persönliche Neigung entgegen-
bringt. Auch das ist seit einigen Jahr-
zehnten nicht mehr selbstverständlich 
und bedarf an dieser Stelle einer be-
sonderen Würdigung.
Kritisch hinterfragt wurde alles, Sym-
pathisches und Unsympathisches, ver-
meintlich Progressives wie vermeint-
lich Reaktionäres. Als Maßstab diente 
dabei kein universales Prinzip, sondern
        

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