Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2010 Heft 4 (4)

36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
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Krisenmuster und Anti-Krisen-Politiken in 
Osteuropa1
Joachim Becker
Die Länder Osteuropas weisen eine große Spannbreite der Krisenbe-
troffenheit auf: Während das BIP Polens 2009 sogar leicht gewachsen 
ist, verzeichneten die baltischen Länder und die Ukraine BIP-Rückgänge 
von 15% und mehr. Die Unterschiede hängen eng mit den Wachstumsmo-
dellen der Vorkrisenjahre und deren spezifischen Krisenverwundbarkeiten 
zusammen. Das Wachstum der Visegrád-Länder (mit Ausnahme Ungarns) 
war stark exportgetrieben, wenngleich die steigende Privatverschuldung 
in einheimischer Währung das Wachstum ebenfalls beflügelte. In den bal-
tischen Ländern und Südosteuropa kann man das Wachstumsmodell als 
„finanzialisiert“2 charakterisieren, da hier die Dynamik sehr stark kredit-
finanziert war. Die Verschuldungsdynamik wurde von außen alimentiert 
und erfolgte auch im Inneren vielfach über Devisenkredite. Auch Ungarn 
und die Ukraine teilten einige der Grundcharakterisika des finanzialisier-
ten Modells, vor allem die hohe Fremdwährungsverschuldung. Der Bei-
trag geht den Krisendynamiken dieser beiden Grundmodelle nach und 
diskutiert deren Implikationen für die Krisenbekämpfungspolitik.
1. Krisendynamiken im exportgetriebenen Modell
Den osteuropäischen Ländern war und ist eine starke Außenorientie-
rung der Ökonomie gemein. Im Verlaufe der Transformation wurde der 
Außenhandel stark auf Westeuropa ausgerichtet. Mit Ausnahme Slowe-
niens setzten die osteuropäischen Regierungen spätestens mit der An-
bahnung von Verhandlungen über den EU-Beitritt strategisch auf Direktin-
vestitionen als Entwicklungsmotor.3 Die Europäische Kommission machte 
die Öffnung für Auslandsinvestitionen und Privatisierungen zum zentralen 
Maßstab für die Beurteilung der Beitrittsfortschritte. Im Resultat spielen 
ausländische Firmen nicht nur in der verarbeitenden Industrie, sondern 
gerade auch im Finanzsektor eine dominante Rolle. Mit Ausnahme Slowe-
niens sind westliche Banken in den neuen Mitgliedsländern Osteuropas 
im Bankensektor völlig vorherrschend – in manchen Ländern, wie Estland, 
Litauen und der Slowakei, mit Anteilen von fast 100%.4 Über die Export- 
und Finanzkanäle lief die Krisenausbreitung von West- nach Osteuropa.
        

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