Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2011 Heft 1 (1)

37. Jahrgang (2011), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
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rige Grenzsteuersätze und Marktliberalisierung ausnahmslos gut seien; 
dass man sich über die Verteilung von Einkommen und Wohlstand keine 
Gedanken machen müsse; und dass strukturelle Aspekte wie Energie, 
Klima, medizinische Versorgung und Infrastruktur nur geringe makroöko-
nomische Bedeutung hätten. Diese den beiden Richtungen gemeinsamen 
Grundsätze spiegeln sich nach Sachs in der makroökonomischen Politik 
der USA seit den frühen 1980er-Jahren bis heute recht gut wider. Er fügt 
hinzu: „The collapse of the subprime bubble has given some pause, but 
the old policy machine is still trying to rise from the rubble, something 
like a Terminator robot reassembling its parts after a seemingly shattering 
blow.“ Wirklich vonnöten sei jedoch „a new strategy of economic gover-
nance – one that is structural and global“, zusammen mit „a new science 
of macroeconomics“ (Sachs 2009, S. 3). Die Aussichten diesbezüglich 
seien allerdings düster. Sachs prangert an:
„Wall Street is readying to launch the biggest stinkbomb of all, by pocketing 
the bailout support (including zero-interest credits from the Fed as well as 
over payments for toxic assets) in a new round of mega-bonuses for the 
miscreants who caused the crisis in the first place. Yet Congress and White 
House are set to let this happen, so as not to cross their campaign finan-
ciers in the lead-up to the 2010 elections.“ (Hervorhebung hinzugefügt)8
Nach Ansicht von Sachs liegt die Wurzel des Übels darin, dass „Wall 
Street“ die Politik gekauft habe, und daher wenig Hoffnung auf grundle-
gende Änderungen in der Wirtschaftpolitik und auf institutionelle Refor-
men bestehe.
Interessanterweise sah sich auch der Herausgeber von „Capitalism and 
Society“, Nobelpreisträger Edmund Phelps, bislang bekannt als ein radi-
kaler Verfechter freier Märkte, angesichts der Krise genötigt, seine alten 
Standpunkte zu überdenken.9 In mehreren Kommentaren und Interviews 
distanzierte er sich von seiner früheren Auffassung und betonte: „capita-
lism would collapse without the state” und „the financial sector no longer 
supports firms“.10
Trotz aller Anstrengungen, eine normale Wissenschaft wie beispielswei-
se die Physik zu werden, oder sich wenigstens so zu verhalten, hat die 
Ökonomik, so scheint es, einen signifikanten Reputationsverlust in akade-
mischen Kreisen und der Öffentlichkeit erlitten. Heute schwimmt die Öko-
nomik auf einer Welle intellektueller Verachtung und allgemeinen Spotts. 
Doch Anzeichen für den Abstieg in der öffentlichen Gunst gab es schon 
weit länger. War sie in früheren Zeiten eine Wissenschaft, in die man gro-
ße Hoffnungen bezüglich der Bewältigung wirtschaftlicher und sozialer 
Probleme setzte, so hat die Ökonomik in der jüngeren Vergangenheit viel 
von ihrem Nimbus verloren und wird nun oft als trocken und irrelevant be-
trachtet, wenn es darum geht, praktische Probleme anzugehen. Die Kom-
mentatoren zeigen sich von den jüngsten mathematischen Trends und
        

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