Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2011 Heft 1 (1)

37. Jahrgang (2011), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
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werden, um die Sprache in der berühmten Kontroverse zwischen Thomas 
Robert Malthus und David Ricardo zu verwenden. Von dieser Warte aus 
gesehen, fußt Lucas’ Ansatz in der Makrotheorie auf der Annahme, dass 
die aggregierten Investitionen immer den Ersparnissen bei Vollbeschäfti-
gung entsprechen, d. h. jenem Volumen an Ersparnissen, das eine voll-
ständige Nutzung aller produktiven Ressourcen des Wirtschaftssystems 
zur Folge hätte. Und tatsächlich nimmt er dies an. Es gibt keine Diskrepanz 
zwischen geplanten Investitionen und geplanten Ersparnissen, und daher 
gibt es auch kein Problem der aggregierten effektiven Nachfrage. Was 
Lucas daher als Annahme setzt, war sowohl bei den klassischen Ökono-
men als auch bei Keynes gerade das Problem. Ganz offensichtlich kann 
der Arbeitsmarkt nur dann „at every point in time“ im Gleichgewicht sein, 
wenn die Firmen nicht nur erwarten, zu jedem Zeitpunkt das verkaufen zu 
können, was bei Vollbeschäftigung produziert wird, sondern sie gleichzei-
tig auch zu jedem beliebigen Zeitpunkt tatsächlich dazu in der Lage sind. 
Selbst ein nur beiläufiger Blick auf die wirkliche Welt stützt jedoch die An-
sicht nicht, der zufolge „we have a cleared labor market at every point in 
time.“ Weshalb glaubte Lucas dennoch, die Makrotheorie sei gut beraten, 
sich auf diese Annahme zu stützen? Es war eine weitere Annahme, und 
zwar die, dass es einen Auktionator gebe, der „sehr schnell“ arbeite und 
dabei eine hervorragende Leistung vollbringe, indem er die Logik von „any 
kind of dynamics you like“ auf die einer Wirtschaft reduziert, die beständig 
im Vollbeschäftigungs- und Vollauslastungsgleichgewicht ist.22
Wieder stützt Lucas seine Modellwahl nicht auf eine gründliche Unter-
suchung der Umstände von Erfolg oder Misserfolg bei der Koordination 
individueller Aktionen in einem System interdependenter Märkte, in de-
nen Geld als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel genutzt wird, son-
dern auf eine weitere kühne Annahme. Der „Fortschritt“ in der modernen 
Makroökonomik besteht anscheinend im Auftürmen kühner Annahmen. 
Dieser Prozess macht die im Modell angenommene Welt den dem zeit-
genössischen Theoretiker zur Verfügung stehenden intertemporalen 
Optimierungswerkzeugen zugänglich. Indem er Marktgleichgewicht und 
verwandte Postulate als Axiome statt als widerlegbare Mutmaßungen da-
rüber, wie die Wirtschaft modelliert werden könnte, behandelt, hat Lucas 
samt seiner Anhängerschaft wichtige substanzielle Inhalte auf dem von 
ihnen für einen Fortschritt in den wirtschaftstheoretischen Techniken ge-
haltenen Altar geopfert. Mit bewundernswerter Klarheit hält Lucas fest, 
woraus für ihn der Fortschritt in der Ökonomik besteht:
„I see the progressive … element in economics as entirely technical: better 
mathe matics, better mathematical formulation, better data, better data-pro-
cessing methods, better statistical methods, better computational methods.“
Interessanterweise fügt er hinzu:
„I think of all progress in economic thinking, in the kind of basic core of
        

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