Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2011 Heft 4 (4)

KOMMENTAR
Paul Krugman und die
Frage der Lebensmittel-
spekulation
Josef Falkinger jun.
In den letzten drei Monaten starben
in Somalia 29.000 Kinder unter fünf
Jahren an Hunger, 600.000 weitere
sind gefährdet. Ein aktueller Bericht
der Weltbank macht die hohen Le-
bensmittelpreise verantwortlich. Nicht
allein Globalisierungskritiker – auch
konservative Politiker wie Nikolas Sar-
kozy – sehen Lebensmittelspekulation
als Hauptursache der Preishausse.
Ganz anders der Wirtschaftsnobel-
preisträger und New York Times-Ko-
lumnist Paul Krugman. Der renommier-
te Ökonom bestreitet einen Zusam-
menhang und hat damit viele seiner
Leser vor den Kopf gestoßen. Interes-
sierte fragen sich: Wie lauten Krug-
mans Argumente, und wie stichhaltig
sind sie?
Zuerst gilt es den Begriff der Speku-
lation mit Waren zu klären: In der Zeit
von Adam Smith handelte es sich da-
bei ganz einfach um das Horten eines
knappen Gutes zum Zwecke seiner
Teuerung. Heute – im Zeitalter der Fi-
nanzmärkte – ist der Sachverhalt kom-
plizierter: Moderne Güterspekulanten,
das sind hauptsächlich Investment-
banken, erwerben in großem Stil soge-
nannte Future-Kontrakte. Das bedeu-
tet: Sie kaufen heute Waren, die erst zu
einem bestimmten Zeitpunkt in der Zu-
kunft geliefert werden müssen, und
hoffen, diese Waren dann teurer los-
schlagen zu können. Durch dieses
Verfahren erhalten Nahrungsmittel,
Rohöl und Rohstoffe zusätzlich zu ih-
rem aktuellen Marktpreis (spot price)
einen sogenannten Zukunftspreis (fu-
ture price). Sobald dieser Zukunfts-
preis beispielsweise von Weizen den
aktuellen Marktpreis übersteigt, gibt es
einen Anreiz für Bauern und Agrarkon-
zerne, Weizen zu horten und in Form
eines Zukunftkontraktes zu verkaufen.
Die Preise steigen.
Auch wenn der Zusammenhang heu-
te komplizierter ist als anno 1800, ist
der Kern so einfach wie eh und je.
Ohne Horten, ohne künstliche Ver-
knappung des Angebots, führt auch die
wüsteste Spekulation mit Future-Kon-
trakten nicht zu einer Steigerung des
aktuellen Marktpreises.
Krugmans Argument
Genau hier setzt der Ökonom Paul
Krugman in seiner Argumentation an.
Er behauptet, dass im letzten Jahr
während der großen Steigerung der
Nahrungsmittelpreise die Lagerhaltung
nicht stieg, sondern sank. Die Spekula-
tion könne folglich nicht für die Entwick-
lung verantwortlich gemacht werden.
Er schrieb in seinem Blog am 7.2.
2011:
„If high futures prices induce increased
storage, this reduces the quantity available
to consumers, and it can raise the price. And
you can, in fact, argue that something like
this has been happening for cotton and cop-
per, where there are apparently large and
growing inventories. But for food, it’s just
not happening: stocks are low and falling.“
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37. Jahrgang (2011), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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