Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 1 (1)

industriepolitische Initiative mit einer emphatischen Botschaft ein: „Now
more than ever, Europe needs industry and industry needs Europe.“5 Der
ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos hat in einem Strate-
giepapier („Renaissance der Industrie und die Rolle der Industriepolitik“)
die Bedeutung der Industrie im Kontrast zur Finanzwirtschaft herausge-
strichen: „Die Renditen der Finanzwirtschaft müssen erst hart an den
Fließbändern, Werkbänken und Ladentheken erarbeitet werden. Deshalb
ist die Industrie so wichtig.“ Last but not least sei hier noch auf die nicht
gerade als industriepolitische Postille bekannte Wirtschaftszeitschrift „The
Economist“ verwiesen. Selbst dort wird mittlerweile das Fehlen großer bri-
tischer Technologieunternehmen im IKT-Sektor ? la Microsoft oder Face-
book beklagt. Wenngleich der Staat diese nicht „out of thin air“ hervorbrin-
gen könne, so gilt für die Regierung trotzdem: „But it can help“.6
Simultan zur Vollendung der industriepolitischen Renaissance existiert
eine eng damit verbundene Diskussion über wirtschaftspolitische Leitbil-
der. Letztere sind häufig identisch mit dem Wachstumsmodell der am
dynamischsten wachsenden Volkswirtschaft(en). Während das Modell
der japanischen Wirtschaftspolitik in den 1980er-Jahren weltweite Aner-
kennung fand, setzte sich nach dessen Absacken in die Stagnation mehr
oder weniger das Modell des angelsächsischen Kapitalismus durch. Ins-
besondere die Akzeleration des IKT-getriebenen Produktivitätswachs-
tums in den USA ab der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre führte zu aus-
führlichen Debatten über die mangelnde Dynamik und Innovationsfähig-
keit in Europa. Das deutsche Modell galt als weitgehend unattraktiv und
wachstumsschwach. Dem „kranken Mann Europas“ wurde ausgerichtet,
was man nicht alles von den angelsächsischen, liberalen Marktwirtschaf-
ten lernen könne. So nannte etwa der US-amerikanische Ökonom Barry
Eichengreen (2007) kurz vor dem Auftreten der ersten Anzeichen der
Krise insbesondere die Industrielastigkeit des deutschen Modells als pro-
blematisch und verwies auf das Vorbild Großbritanniens:
„The UK has enjoyed such a successful economic run precisely because, for
peculiar reasons by the name of Maggie Thatcher, it got out of manufacturing
and into financial and other services at the right time. (…) The real problem in
Germany is (…) its failure to recognize that industry and prosperity are no
longer synonymous.“7
Im Sinne der „kreativen Zerstörung“ von Schumpeter kam es in der Krise
zum Nachfrageeinbruch nach angelsächsischen Therapievorschlägen.
Zunächst setzte sich als neues „Produkt“ kurzfristig das französische
Modell durch. Der „Economist“ identifizierte 2009 eine „new pecking order“
europäischer Volkswirtschaften: Ein überlegenes, französisch-dirigisti-
sches Modell wird gefolgt von einem intermediären deutsch-ordoliberalen
Modell, welches wiederum von einem abgeschlagenen britisch-liberalen
Model deutlich abgesetzt erscheint. Es sei jedoch lediglich eine Frage der
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 1
        

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