Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

unsicheren und wechselnden Erwartungen, die der fundamentale Ansatz
betonte, in ein eher reduktionistisches Modell ein.
Keynes kann somit durchaus unterschiedlich interpretiert werden. Hier
soll und kann es nicht um die Frage gehen welche Interpretation „richtig“
ist, „what Keynes really said“ und „what Keynes really really said“, sondern
darum, welche Schlussfolgerungen die Wirtschaftspolitik aus Keynes’
Werk gezogen hat und welche sie ziehen sollte. Unweigerlich steht dabei
der hydraulische Keynesianismus im Zentrum, da er – scheinbar – einfa-
che Kochrezepte bietet, wogegen die theoretischen Ansätze und Analy-
sen der fundamentalen wie der erneuerte reduktionistischen Interpretation
wenig einfach-mechanische Ansatzpunkte für wirtschaftspolitische Inter-
ventionen, vor allem ablaufspolitischer Art bieten. Sie müssen Unsicher-
heit, Erwartungen und soziale und institutionelle Umstände mit einbezie-
hen, was die Kalkulierbarkeit fiskal- und geldpolititischer Aktionen
erheblich erschwert. Demgemäß spielt bei ihnen die Vermeidung von
Fehlentwicklungen eine größere Rolle als deren Bekämpfung.
Glanz und Elend des hydraulischen Ansatzes
Der hydraulische Ansatz wurde als ein Weg verstanden „how a largely
decentralised economy may be subject to broad (as opposed to detailed)
central control or influence through the instrument of the budget.“8 „Key-
nes’ policy advice turns out to be much less straightforward than Lerners’
concept of ‚functional finance‘ might lead one to believe.“9 Die Blüteperi-
ode dieses Konzepts war die Periode der noch weitgehend geschlosse-
nen europäischen Wirtschaften des dritten Viertels des vorigen Jahrhun-
derts, des „golden age of capitalism“; Globalisierung und zunehmende
Instabilität der Funktionen gerade in Krisenperioden schwächten die theo-
retische wie empirische Basis des Ansatzes, wurden von der Politik jedoch
nicht genügend zur Kenntnis genommen. Immer wieder versuchte man
Arbeitslosigkeit durch expansive Budgetpolitik zu bekämpfen, ohne dass
deren Ursachen und die Voraussetzungen erfolgreicher Budgetpolitik im
jeweiligen Einzelfall analysiert worden wären. Dementsprechend waren
die Maßnahmen dieses „Hebel-Keynesianismus“ in der Periode steigen-
der Globalisierung und zunehmender Strukturprobleme zunehmend weni-
ger von Erfolg gekrönt: Die Schulden stiegen und die Arbeitslosigkeit
blieb. Eine massive Gegenbewegung setzte ein: Sie begann unter dem
Schlagwort des „crowding out“, der Verdrängung privater durch die
zusätzlichen staatlichen Ausgaben und entsprechend kleiner Multiplikato-
ren. Die Attacken erreichten ihren Höhepunkt in der sogenannten Politik-
Ineffektivitätshypothese,10 derzufolge die auf der Basis von Rationalen
Erwartungen agierenden Wirtschaftssubjekte als Folge der zusätzlichen
38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
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