Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Einige Überlegungen zur sich ändernden
Einkommensverteilung
Peter Rosner
Es ist gesichertes Wissen, dass die Einkommensverteilung seit längerer
Zeit ungleicher wird, nachdem die Ungleichheit in den Jahrzehnten davor
eher gesunken ist.1 Das gilt für fast alle entwickelten Wirtschaften und ist
unabhängig vom Niveau der Ungleichheit, gemessen etwa mit dem Gini-
koeffizienten. Es handelt sich also nicht um eine Anpassung an einen
möglicherweise vorhandenen steady state oder an einen Gleichgewichts-
wert. Der Anstieg ist auch wenig abhängig davon, ob ein Staat eine Regie-
rung leicht links von der Mitte hat oder leicht rechts davon. Die jeweils
implementierte Politik scheint auf die Entwicklung der Einkommensvertei-
lung wenig Einfluss zu haben, wenn man diese Entwicklung an der Verän-
derung einer spezifischer Kennziffer messen will. Es gibt jedenfalls eine in
der Theorie anerkannte Ursache für langsam steigende Ungleichheit: Per-
sonen mit sehr hohem Einkommen in einer Periode haben mit positiver
Wahrscheinlichkeit ein höheres Einkommen in der Folgeperiode. Perso-
nen mit sehr niedrigem Einkommen in einer Periode haben in der Folgepe-
riode mit positiver Wahrscheinlichkeit wiederum ein sehr niedriges Ein-
kommen. Die Spanne zwischen den sehr hohen und den sehr niedrigen
Einkommen steigt also. Gebremst wird dieser Prozess durch die Endlich-
keit des Lebens und dadurch, dass junge Menschen nicht mit dem höch-
sten Einkommen einer Ökonomie ihre Karriere beginnen.
Makroökonomische Entwicklungen, die in eher politikwissenschaftlich
orientierten Analysen der steigenden Ungleichheit angeführt werden,
scheinen wenig Einfluss auf diese Entwicklung zu haben. Die Ungleichheit
steigt in Ökonomien mit geringer Arbeitslosigkeit, etwa in Österreich und in
manchen der nordeuropäischen Ökonomien, aber auch in Staaten mir
wesentlich höherer Arbeitslosigkeit, etwa in Spanien und in den USA. Es
gibt Wirtschaften mit Perioden steigender Ungleichheit bei hohem Wirt-
schaftswachstum und Perioden steigender Ungleichheit bei wirtschaftli-
cher Stagnation.
Oft wird auf einen fundamentalen ideologischen und politischen Wech-
sel hingewiesen, der zeitlich mit der Stabilisierungskrise am Ende der
70er-Jahre verortet wird. Der Begriff Neoliberalismus wird dabei verwen-
det. Als Erklärung ist das unbefriedigend für wirtschaftswissenschaftliche
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38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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