Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Vollbeschäftigung.18 Die Verstetigungsstrategie ging davon aus, dass die
Konjunkturschwankungen unsicherheitsbedingte tiefliegende Instabilitä-
ten zur Ursache haben; Reduzierung von Unsicherheit ist daher die zen-
trale Aufgabe, hektische diskretionäre Maßnahmen wirken vielfach kon-
traproduktiv. Die austrokeynesianische Strategie versuchte die Unsicher-
heit dadurch zu reduzieren, dass sie die zentralen Entscheidungsgrundla-
gen von Unternehmern und Konsumenten möglichst vorhersehbar mach-
te: die Lohnpolitik als Kostenkomponente wie als Einkommensgröße, die
Preisentwicklung als Voraussetzung für eine ruhige Lohnpolitik, die (nomi-
nelle) Zinsentwicklung und die Investitionsförderung, sowie den Wechsel-
kurs im Rahmen der Hartwährungspolitik. Der Einsatz von Maßnahmen-
bündeln zur Erreichung von Zielbündeln ermöglichte eine schwächere Do-
sierung der Instrumente und geringere unerwünschte Nebenwirkungen.
Einkommenspolitik wurde als zentrales Instrument zur Inflationsbekämp-
fung bei Vollbeschäftigung eingesetzt, eines der ganz großen Probleme,
auf die etwa Rothschild (1954, chpt. XII) schon sehr früh hingewiesen hat.
Mit der Darstellung dieser spezifischen Form einer eher fundamental-
keynesianischen Konjunktur- und Beschäftigungspolitik soll nicht dem
austrokeynesianischen Konzept nachgetrauert werden. Seine Zeit ist mit
der zunehmenden Globalisierung, der zunehmenden Komplexität (Tichy
2011) und der gerade in Krisenperioden zunehmenden Instabilität der
Finanzmärkte abgelaufen;19 unsere Zeit muss nach neuen Strategien
suchen. In diesem Sinn sollte die Darstellung auf dreierlei hinweisen: Ers-
tens, dass es nicht genügt bereits entstandene Fehlentwicklungen zu
beseitigen; es muss bereits ihrer Entstehung entgegengewirkt werden. In
alter Terminologie: Außer Ablaufspolitik ist auch Ordnungspolitik zuneh-
mend unverzichtbar. Zweitens, dass unsicherheitsreduzierenden Elemen-
ten, insbesondere der Verstetigung der Erwartungen,20 besondere Bedeu-
tung zukommt. Und drittens, dass es nicht ein einziges Konzept geben
kann, dass bei jeder entsprechenden Zielverletzung mechanisch ange-
wendet wird: Je nach historischer Situation, institutionellen Voraussetzun-
gen und Spezifität der Zielverletzung(en) ist eine eigene, maßgeschnei-
derte Lösung zu erarbeiten. „Die komplexe Realität läst sich nicht in einem
einzigen einfachen und starren Modell einfangen.“21 Es ist nicht unwahr-
scheinlich, dass solche Überlegungen einer situationsspezifischen Politik
in einer vielschichtigen Realität auch hinter der scheinbaren (?) Unbe-
stimmtheit von Keynes’ Arbeiten stecken: In relativ stabilen Situationen
mag die hydraulische Konzeption und ihr Instrumentarium durchaus aus-
reichen; je schwerer die Zielverletzung und je komplexer die Situation,
desto „fundamentalere“ Konzeptionen, Überlegungen und Strategien sind
erforderlich.
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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