Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Bemerkungen zu Theorie und
empirischer Forschung über europäische
Wirtschaftsverbände
Werner Teufelsbauer
Günther Chaloupek kenne ich schon seit einigen Jahrzehnten, in denen
sich – wie ich glaube annehmen zu können – zwischen uns eine Bezie-
hung gegenseitiger Wertschätzung entwickelt hat. Sie beruht auf einem
gemeinsamen Interesse an Theorie und Praxis der Wirtschaftspolitik
ebenso wie auf unserer Liebe zu Geschichte und Musik. Ich wünsche
sehr, dass uns diese Gemeinsamkeiten noch lange – auch im Ruhestand
– verbinden werden.
Beruflich haben wir – er auf Arbeitnehmer-, ich auf Arbeitgeberseite –
wohl am meisten in den Neunzigerjahren zusammengearbeitet. Es war
dies eine echte Wendezeit: Zusammenbruch des Kommunismus, EU-Bei-
tritt, Vorbereitung der Währungsunion etc., aber auch die Existenzkrise
des österreichischen Kammersystems und der Sozialpartnerschaft. Eine
Reihe von Gründen waren für diese Existenzkrise verantwortlich, einige
waren durchaus im Kammersystem selbst gelegen.1 Dies hätte aber eher
eine interne Reform als die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft und der
Pflichtbeiträge nahe gelegt, wie es vor allem FPÖ, Industriellenkreise und
einige Medien forderten. Man nahm vor allem Bezug auf das Verbände-
system anderer EU-Mitgliedsländer und argumentierte, dass es auch dort
wo keine Pflichtmitgliedschaft und Pflichtfinanzierung existierten durchaus
starke Wirtschaftsverbände und eine florierende Wirtschaft gäbe. Dort
existiere mehr Freiheit bei niedrigeren Kosten. Die Bundesregierung sah
ebenfalls umfassenden Reformbedarf und forderte die Kammern zu
Reformen und einer neuerlichen demokratischen Legitimation auf. Die
Kammern entsprachen beiden Forderungen, letztere wurde durch die
Abhaltung einer Urabstimmung beantwortet, welche besonders im KMU-
Bereich eine überwältigende Zustimmung zum System der Pflichtmitglied-
schaft und der Pflichtbeiträge brachte. Damit verstummte die allgemeine
Kritik weitgehend, nicht jedoch auf der Seite großer Mitgliedsunternehmen
der Wirtschaftskammern. Es macht daher auch heute noch/wieder Sinn
sich mit der fundamentalen Kritik auseinander zu setzten und der oft sehr
oberflächlichen Fundamentalkritik eine etwas grundsätzlichere Darstel-
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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