Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Investition und Zins
Die Beiträge Schumpeters und Keynes’
Heinz D. Kurz
1. Einführung
Als langjähriger redaktioneller Leiter der Zeitschrift Wirtschaft und
Gesellschaft hat Günther Chaloupek immer wieder Beiträge zur ökonomi-
schen Theoriegeschichte abgedruckt. Er selbst ist ein ausgewiesener
Kenner auf diesem Gebiet. In zahlreichen Aufsätzen hat er sich mit einem
bunten Strauß an Themen befasst. Schwerpunkte seiner diesbezüglichen
Arbeit sind die sogenannte Österreichische Schule der Nationalökonomie,
der Austromarxismus und der Keynesianismus. Wiederholt hat er sich
über die Beiträge Joseph Alois Schumpeters und John Maynard Keynes’
zur Wirtschaftstheorie geäußert. Seinem Beispiel will ich in diesem kurzen
Beitrag folgen. Schumpeter gilt im Allgemeinen als eher konservativer
Vertreter seines Faches, für den nach eigenen Worten die Theorie des all-
gemeinen Gleichgewichts von Léon Walras die „Magna Charta“ der Volks-
wirtschaftslehre war. Der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts zufolge
tendiert das ökonomische System bei flexiblen Preisen und Löhnen zu
einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung seiner produktiven Ressour-
cen. Keynes hingegen gilt als Neuerer, der mit dem „Prinzip der effektiven
Nachfrage“ theoretisch Neuland beschritten hat und dessen Theorie
zumindest eine Zeitlang dabei war, das Fach zu revolutionieren. Das Prin-
zip besagt, dass es keinen Grund zur Annahme gibt, die Investitionen gra-
vitierten auf die Dauer und im Durchschnitt um das Niveau der Ersparnis
bei Vollbeschäftigung. Folglich sei davon auszugehen, dass von kurzlebi-
gen Phasen abgesehen das ökonomische System immer mehr oder weni-
ger große Spannen von Unterauslastung aufweist. Vielfach werden
Schumpeter und Keynes als einander diametral gegenüberstehende
Theoretiker dargestellt.
Dieses geläufige Bild soll im Folgenden wenigstens partiell, die investi-
tions- und zinstheoretischen Vorstellungen der beiden betreffend, korri-
giert werden. Das vorgestellte Argument ist auch insofern partiell, als im
Wesentlichen nur die beiden Hauptwerke unserer dramatis personae zur
Sprache kommen, die 1911 (im Impressum 1912) veröffentlichte Theorie
der wirtschaftlichen Entwicklung Schumpeters und die 1936 veröffent-
197
38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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