Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

zentripetaler Kräfte entfernt und stattdessen dem Moment der Rastlosig-
keit des Kapitalismus gesteigerte Aufmerksamkeit schenkt. Was seine
„Vision“ des Kapitalismus anbelangt, so ist Marx für Schumpeter gewiss
von weit größerer Bedeutung als jeder andere Autor, und die Bedeutung
Marxens nimmt im Lauf der Zeit eher zu als dass sie schwindet. Dies spie-
gelt sich in der größeren Radikalität des Schumpeterschen Denkens im
Verhältnis zum Keynesschen wider, für den die Marxschen Schriften kaum
eine Rolle spielen und denen er, wie wir von Piero Sraffa wissen, verständ-
nislos gegenübersteht. Sie spiegelt sich auch wider in einer ähnlich wie bei
Marx auf realwirtschaftliche Faktoren zurückgreifenden Erklärung von Kri-
sen, in denen die Bewegung der durchschnittlichen Profitrate eine zentrale
Rolle spielt. So erklärt Schumpeter die Weltwirtschaftskrise in seinen 1939
veröffentlichten Business Cycles als das Zusammentreffen der Tiefpunkte
dreier Typen von Zyklen – eines „Kondratieff“, eines „Juglar“ und eines
„Kitchin“. Wichtigster Auslöser der Weltwirtschaftskrise sei das sich
erschöpfende innovative Potential in der Elektro-, der chemischen und der
Automobilindustrie gegen Ende der 1920er-Jahre und der damit einherge-
hende Fall der Profitrate gewesen. Schumpeter vertritt eine Auffassung,
die man mit dem Marxschen Diktum „Permanente Krisen gibt es nicht“
belegen könnte: Das ökonomische System bewegt sich in Zyklen, Innovat-
ionen sind das Lebenselixier des Kapitalismus, auf Depressionen folgen
wirtschaftliche Erholungen und Booms. Schließlich spielen bei Schumpe-
ter ähnlich wie vor ihm bei Adam Smith und Marx Machtbeziehungen zwi-
schen den Akteuren eine wichtige Rolle, weit stärker als dies bei Keynes
der Fall ist.
Keynes’ Sicht der langfristigen Entwicklungstendenzen ist im Verhältnis
hierzu deutlich pessimistischer. Im Lauf der Zeit, so seine Einschätzung,
werde es aus drei Gründen immer schwieriger, einen hohen Beschäfti-
gungsstand und wirtschaftliches Wachstum zu sichern. Erstens, mit der
Zunahme des Kapitalstocks relativ zur beschäftigten Bevölkerung sinke
die relative „Knappheit“ des Kapitals und mit ihr dessen Profitabilität. Dies
wirke sich negativ auf die Anreize zur Investition aus, die Investitionsnei-
gung sinke. Zweitens, je größer das Volkseinkommen einer gegebenen
Bevölkerung, desto größer die marginale und durchschnittliche Sparnei-
gung und damit desto größer der sich ergebende Nachfrageausfall. Drit-
tens, auf Grund einer merklichen Liquiditätspräferenz der Akteure sinke
der Geldzinssatz nicht oder nur wenig, so dass sich die Finanzierung
neuer Investitionsprojekte nicht günstiger gestalte, das heißt die Investi-
tionsfähigkeit sich nicht verbessere. Das System befindet sich demzufolge
in einer Stagnationsfalle: Die Investitionsneigung sinkt, nötig wäre aber
gerade deren Steigen, um die von einer steigenden Sparneigung ausge-
henden depressiven Tendenzen zu konterkarieren. Die von Keynes gese-
hene Gefahr lautet: Je reicher eine Gesellschaft bereits ist, das heißt je
199
38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.