Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Aufstieg und Niedergang der Stuckys –
ein mitteleuropäischer Beispielsfall
Robert Schediwy
Zu den bedeutendsten Industriedenkmalen Venedigs zählt, im westli-
chen Abschnitt der Giudecca-Insel gelegen, ein nicht zu übersehendes
monumentales Backsteingebäude, die so genannte Stuckymühle. Sie ist
heute, nach jahrzehntelanger Leerstehung, als Hotel revitalisiert. Das
Molino Stucky Hilton trägt aber immer noch den Namen seines Erbauers
Giovanni Stucky (1843-1910), und das nicht zu Unrecht. Stucky ist aller-
dings ein für Italien ungewöhnlicher Name. Die am Wiener Beispiel getä-
tigte Feststellung Günther Chaloupeks von der zumeist ausländischen
Herkunft der Fabriken gründenden Handwerker1 bewahrheitet sich auch
im Falle der im 19. Jahrhundert lange zu Österreich gehörigen Lagunen-
stadt. Die Stuckys waren eine italienischer Unternehmerdynastie Schwei-
zer Herkunft, und ihr Aufstieg war ebenso dramatisch wie ihr Niedergang.
Zuerst war da allerdings Friedrich Oexle aus Augsburg. Der Bayer war
nach der Eröffnung des Freihafens nach Venedig zugezogen und verkör-
perte den Typus des wagemutigen Entrepreneurs. Im Juli 1840 gelang es
Oexle, gegen 49 Mitbewerber Kloster und Kirche von San Girolamo für
sein Projekt einer Dampfmühle zu erwerben – nicht zuletzt dank der Unter-
stützung durch den Wiener Bankier Salomon Rothschild. Weniger als ein
Jahr später war die Mühle fertig, im gleichen Jahr als auch in Wien die
erste Dampfmühle errichtet wurde.2 Verarbeitet wurde hauptsächlich aus-
ländisches Getreide, aus der Gegend des Schwarzen Meeres. Die Oexle-
sche Dampfmühle galt als die modernste der italienischen Halbinsel. Aller-
dings dürfte Oexles Wagemut seiner Kapitalkraft vorausgeeilt sein: 1847
ging er in Konkurs und das Unternehmen wurde von drei venezianischen
Geschäftsleuten übernommen. Samuele della Vida, Abramo Errera und
Giuseppe Maria Reali Der kompetente Techniker Oexle verblieb aller-
dings als Direktor.3 Als solcher hatte er einen gebürtigen Schweizer
namens Hans Stucky als geschätzten Mitarbeiter, der ihm bis zu Oexles
Tod die Treue hielt.
Hans Stucky (1813-1887) war der Spross einer Bauern- und Büchsen-
macherfamilie, stammte aus Münsingen im Kanton Bern und machte sich
1829 zu Fuß auf, sein Glück in der weiten Welt zu versuchen. Er fand
Anstellungen in Getreidemühlen, bildete sich technisch weiter – Schwei-
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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