Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

BÜCHER
Zu den Ursachen und Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise
Rezension von: Markus Marterbauer, Zahlen bitte! Die Kosten der Krise tragen wir alle,
Deuticke, Wien 2011, 255 Seiten, D 17,90.
„Zahlen bitte!“ ruft der Gast in einfachen Lokalen, wenn er seine Konsumation
bezahlen möchte. Der Untertitel von Marterbauers Buch: „Die Kosten der Krise
tragen wir alle“ lässt jedoch zunächst vermuten, dass damit eher der Ausruf des
Wirts gemeint ist, wenn der Gast sich aus dem Lokal davonstehlen will. Demge-
mäß beginnt auch Kapitel 1 („Wer trägt die Kosten der Krise?“) mit der Frage: „Ist
es angemessen, die Steuerpflichtigen in Österreich für die Staatsschuldenkrise in
Griechenland, Irland und Portugal zahlen zu lassen?“ (S. 9; meine Hervorhebung,
G.T.) – Die Österreicher drängen sich offenbar nicht, die (fremde) Rechnung zu
bezahlen; die Verursacher sollten das tun.
Verursacher wären jedoch, betont Marterbauer, nicht die Arbeitslosen in diesen
Ländern, sondern „ein ineffizientes Steuererhebungssystem, aufgeblähte Büro-
kratie und Budgettricks in Griechenland; ein Bankensystem, das sich hemmungs-
los auf dem Immobilienmarkt verspekulierte und nur noch durch Staatskapital ge-
rettet werden konnte, in Irland; fehlende Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in
Portugal; der Zusammenbruch des Immobilienbooms in Spanien.“ (S. 10) Das ist
unbestreitbar richtig. „Wichtiger waren“, fährt Marterbauer fort, „andere Phänome-
ne: Geprägt von einem Herdentrieb, setzte sich bei den Finanzmarktakteuren
schlagartig die Meinung durch, die Schulden könnten nicht zurückgezahlt wer-
den, deshalb stiegen die Kosten der Versicherung von Staatsanleihen und die
Zinssätze … Angesichts der Höhe der Staatsschuld und der schlechten wirt-
schaftlichen Aussichten war damit die Rückzahlungsmöglichkeit tatsächlich nicht
mehr gegeben. Die Staatsschuldenkrise ist in erheblichem Ausmaß eine sich
selbst erfüllende Prophezeiung der vom Herdentrieb geprägten spekulativen Fi-
nanzmärkte.“ (S. 10) – unbestreitbar eine gleichfalls wichtige Ursache, doch eher
der Finanz- als der Schuldenkrise.
Kapitel 2 („Liberalisierung und Ungleichheit: Verursacher der Finanzkrise“)
wendet sich der Finanzkrise zu und beschreibt in klarer, für den anvisierten breite-
ren Leserkreis verständlicher Form deren Ursachen: mangelndes Risikobewusst-
sein vor allem der US-Banken, unrealistische Ertragswünsche der Anleger und
Vertrauen in die Selbstregulierung der Märkte. Marterbauer hält jedoch die zuneh-
mende Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Vermögen, die weltwirt-
schaftlichen Ungleichgewichte und die Deregulierung der Finanzmärkte für tiefer
liegende wahre Ursachen.
Als anhaltende Folgen sieht er hohe Arbeitslosigkeit, hohe Staatsverschuldung
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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