Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Die Entstehung der Spieltheorie
Rezension von: Robert Leonard, Von
Neumann, Morgenstern, and the Creation
of Game Theory. From Chess to Social
Science, 1900-1960, Cambridge
University Press, Cambridge 2010,
xii + 390 Seiten, D 78.
Es gibt unterschiedliche Ansätze zur
Darstellung der Geschichte ökonomi-
scher Theorie. So könnte man schil-
dern, was eine Generation von Ökono-
men von den früheren gelernt hatte
und durch Aufdecken von Ungereimt-
heiten in der alten Theorie diese in eine
bessere transformierte. Die Geschich-
te der Volkswirtschaftslehre wird als
ein Lernprozess dargestellt. Die han-
delnden Personen, nämlich die Auto-
ren der neuen Theorien, vollziehen die
notwendige Entwicklung. In so einer
Behandlung des Themas wird ein Fort-
schritt in der Theorie gezeigt. Der ei-
gentliche historische Prozess wird da-
bei kaum behandelt.
Robert Leonard, Professor an der
Université du Quebec ? Montreal, stellt
in seinem Buch eine andere Frage:
Welche Gegebenheiten und Umstände
hatten dazu geführt, dass der Ungar
und Jude John von Neumann und der
Österreicher Oskar Morgenstern in den
USA ein Buch geschrieben haben,
dessen Inhalt zunächst nur wenig Ein-
fluss auf die Entwicklung der Wirt-
schaftstheorie genommen hat, aber
den Anstoß zur Entwicklung von seit
ungefähr vierzig Jahren sehr wichtigen
Instrumenten für Analysen der Wirt-
schaft gab?
Das Buch hat drei Teile. Im ersten
Teil wird die Entwicklung von Neu-
manns bis zu den ersten Darstellungen
des Minimax-Theorems im Jahr 1928
geschildert, im zweiten diejenige von
Morgenstern bis zu seiner Emigration
in die USA. Im dritten Teil schließlich
wird die Zeit der beiden in den USA
dargestellt. Dieser Teil beinhaltet das
Entstehen des gemeinsamen Werks
zur Spieltheorie und anschließend die
Teilnahme jedes der beiden an der
Analyse militärischer Strategien zu-
nächst während der Endphase des
Weltkrieges und dann im beginnenden
Kalten Krieg.
Es begann mit Schach, einem Spiel.
Emil Lasker, der die ersten zwei Jahr-
zehnte des 20. Jahrhunderts führende
Spieler, reflektierte seine Erfahrungen
aus dem Schachspiel in einem Buch, in
dem explizit die Situation des Kampfes
auf soziale Interaktionen und die Wirt-
schaft übertragen wurde. Der Mathe-
matiker Zermelo, einer der Begründer
der axiomatischen Mengenlehre, be-
nützte diese für eine mathematische
Analyse des Schachs im Jahr 1912.
Die Analyse strategischen Handelns
war somit ein von den besten Mathe-
matikern ihrer Zeit anerkannter Gegen-
stand dieser Wissenschaft. Immerhin
war Zermelo Professor in Göttingen,
eines der damaligen Zentren der Ma-
thematik. von Neumann – Leonard
weist darauf hin, dass das Genie da-
rauf Wert legte, dass das „von“ immer
angeführt und auch am Anfang eines
Satzes mit kleinem „v“ geschrieben
wird – studierte Mathematik in Göttin-
gen. Er war auch Schachspieler. Die
Analyse des Schachspiels war freilich
nicht nur Gegenstand der Mathematik,
sondern auch der Psychologie, also
der Wissenschaft von menschlichem
Handeln nicht nur als Ergebnis rationa-
ler Kalküle, sondern auch von Empfin-
dungen und spontanen Reaktionen.
Auch diese Spur zur modernen Spiel-
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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