Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

le regelmäßig wiederkehrender Wechselkursanpassungen treten sollte
und müsste, die Wiedergeburt all jener Nachteile bedeutet, derentwegen
Keynes ja seinerzeit zum entschiedenen Gegner des Goldstandards ge-
worden war.
Der Goldstandard des neunzehnten Jahrhunderts, der zu automatischer
deflatorischer Anpassung zwang, wenn die außenwirtschaftliche Wettbe-
werbsposition eines Landes sich verschlechterte, war regelmäßig auch
mit schweren Kredit- und Bankenkrisen gekoppelt, welche die Wohlfahrts-
verluste von „normalen“ Konjunkturkrisen noch weit übertrafen. Krisen im
Gefolge von Finanzkrisen und im Gefolge der notwendigen Anpassungen
des Preisniveaus und der Reallöhne zur Wiederherstellung der Wettbe-
werbsfähigkeit dauerten damals (wie heute) wesentlich länger als normale
Konjunkturkrisen.
Dabei darf man nicht vergessen, dass diese Anpassungsprozesse
damals unter undemokratischen Bedingungen ohne den Widerstand star-
ker Gewerkschaften erfolgten, und große Teile der Bevölkerung noch
immer in Subsistenzwirtschaften agrarischer Art von den Folgen der indu-
striellen Krisen abgeschottet waren – während die Arbeiterschaft in den
Städten umso heftiger zu leiden hatte. Dass die marxistische Krisen- und
Untergangstheorien gerade damals aufblühten und bei vielen auf Reso-
nanz stießen, war ja kein historischer Zufall.
Als Großbritannien unter Finanzminister Churchill nach dem Ende des
ersten Weltkrieges im Mai 1925 die verhängnisvolle Entscheidung traf,
den Wechselkurs des Pfundes wieder an die Vorkriegsparität zum Gold
heranzuführen, was nur durch eine reale Aufwertung der Pfundes um etwa
30% möglich war, prophezeite Keynes, dass die Kosten einer solchen
Anpassung den Kosten eines Krieges vergleichbar sein würden – hohe
Arbeitslosigkeit, Unterauslastung und entgangene Produktion und Ein-
kommen würden die Folge sein. Churchill selbst hatte seine Zweifel an der
Richtigkeit dieser Politik und meinte: „I would rather see finance less proud
and industry more content.“9 Tatsächlich ist die Politik der Rückkehr zum
Goldstandard letztlich ungeachtet großer Opfer für die Bevölkerung
gescheitert – vor allem auch deshalb, weil trotz massiver Unterauslastung
und wirtschaftlicher Depression das Preisniveau in Großbritannien pro
Jahr nur um etwa 1% gesenkt werden konnte.
Viel zu wenig, um beim künstlich überhöhten Wechselkurs wieder kon-
kurrenzfähig zu werden.
Und viel zu wenig, um die Finanzmärkte davon zu überzeugen, dass die
britische Regierung diesen Kurs glaubwürdig dauerhaft verteidigen werde
können. Daher musste Großbritannien im September 1931 unter dem
Druck des Finanzmarktes den Goldstandard aufgeben. „Nobody told us
we could do that“, jammerte damals ein Abgeordneter der Labour Party …
Die Wirtschaftsgeschichte ist leider reich an Beispielen, wie ein starres
219
38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.