Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

Wie weit kann heute keynesianische
Wirtschaftspolitik helfen?
Erich W. Streissler
I
Unter keynesianischer Wirtschaftspolitik verstehe ich die Erhöhung der
gesamtwirtschaftlichen Nachfrage durch fiskalpolitische Maßnahmen in
Zeiten mangelnder Vollbeschäftigung. In der „Nachkriegszeit“, das heißt in
den USA bis kurz nach 1970 und in Österreich bis in die frühen 1980er-
Jahre, hieß das zusätzliche Staatsausgaben und sekundär auch Steuer-
senkungen in dem jeweiligen Jahr einer Rezession, also jeweils kurzfris-
tig. Vorausgesetzt ist ein einigermaßen regelmäßiges Muster von Kon-
junkturschwankungen: Wenn die wirtschaftliche Wachstumsrate merklich
zurückgeht oder gar negativ wird, dann greift der Staat durch Nachfrage-
stöße ermutigend ein.
Er greift ermutigend ein! Sinnvoll sind keynesianische Maßnahmen also
in Situationen, in denen erstens große wirtschaftliche Unsicherheit
herrscht, die zweitens bei den Wirtschaftssubjekten in der zu mildernden
Rezession noch zunimmt, so dass drittens die staatliche Wirtschaftsförde-
rung Vertrauen schaffen und Optimismus generieren kann. Das war und
ist in Österreich – dem Land mit der vielleicht lokalspezifisch wirksamsten
keynesianischen Politik – typischerweise der Fall. Um zu verdeutlichen,
worum es geht: Wenn etwa eine zusätzliche fiskalpolitische Maßnahme
von Privaten nur als Ankündigung des nächsten großen Schrittes in Rich-
tung Verstaatlichung gesehen wird oder auch aus anderen Gründen zum
Anlass einer Verlagerung von möglichst viel Kapital und Nachfrage ins
Ausland genommen wird, dann ist natürlich kein die Wirtschaft anregender
Effekt zu erwarten: Unsicherheit wird dann erhöht statt abgebaut. Das
Ausmaß der Wirtschaftsstützung ist nicht so wichtig: Viel wichtiger ist, wie
diese öffentlich und privat beurteilt wird.
Die psychologische Komponente im Abbau von Unsicherheiten wird
von Keynes immer wieder betont. Im zentralen Kapitel 18/2 der General
Theory spricht er von „the state of confidence concerning the prospective
yield, the psychological attitude to liquidity and the quantity of money“ als
entscheidend für das private Investitionsverhalten. Wirtschaftsanregende
Maßnahmen müssen also vor allem „the state of confidence“ stärken.
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38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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