Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2012 Heft 2 (2)

die inzwischen viel höheren Grenzsteuersätze und zweitens, und vor
allem, die weit höheren Grenzimportneigungen als in den 1930er-Jahren.
Für die USA wird der Einkommensmultiplikator heute auf etwa eins
geschätzt, ja sogar auf 1,25 bis1,5; freilich nur für Jahre mit relativ schlech-
ter, die Kapazitäten nicht auslastender Konjunktur. Dies geht darauf
zurück, dass die USA einen Grenzsteuersatz von nur etwa einem Drittel
haben und vor allem darauf, dass dort die Importquote nur bei etwa einem
Achtel liegt. In den USA lohnt somit eine zusätzliche Ausgabe für die
Betroffenen ebenso wie für die Gesamtwirtschaft. Für eine kleine, außen-
wirtschaftlich sehr offene Wirtschaft wie Österreich hingegen wurde der
Einkommensmultiplikator jüngst nur auf 0,2 bis 0,3 geschätzt: Zusatzaus-
gaben fließen fast zur Gänze ins Ausland ab. Einziger Grund für Einkom-
mensbeschaffung ist somit allein der Effekt für die Betroffenen selbst. Und
so wird ja auch jetzt ganz ungeniert für die Einkommenserhöhung bei
Staatsbeamten argumentiert, ohne dass dabei ein gesamtwirtschaftlicher
Effekt in irgendeiner Weise bedacht würde.
Die Beschäftigung ist in Österreich über die Zeit gesehen überhaupt er-
staunlich wenig variabel. Wenn etwas variabel ist, so sind es die Arbeits-
zeiten und vielleicht noch die Einkommen der Beschäftigten. Auch die in
Österreich bekanntlich international gesehen besonders geringe Arbeits-
losigkeit schwankt im internationalen Vergleich nur wenig. Und die für
Österreich relativ gut funktionierende Beschäftigungspolitik bezüglich
Arbeitsloser ist auch ganz unkeynesianisch: Sie ist erfolgreich in zum Teil
sehr individuellen Schulungen von Arbeitskräften. Ja, die niedrige öster-
reichische Arbeitslosenquote bietet im Vergleich zu Deutschland sogar
einen Ansatzpunkt für das Denken klassisch-ökonomischer Zyniker, die
Arbeitslosigkeit als teilweise freiwillig gewählt erachten: Arbeitslosigkeit
sei deswegen in Österreich merklich niedriger als in Deutschland, weil in
Österreich das Arbeitslosengeld relativ zum Beschäftigungsbezug niedri-
ger ist und auch die Zeitspannen, in denen Arbeitslosengeld bezogen wer-
den könne, im Durchschnitt kürzer sind. Der Beschäftigungsmultiplikator
ist also in Österreich kurzfristig besonders klein.
IV
Gegenüber der Blütephase keynesianischer Politik in den 1950er und
1960er-Jahren hat sich vielerorts noch ein anderer Aspekt stark verändert:
Keynes konnte noch von den Beschäftigten und den Arbeitslosen reden
als in den Augen der Beschäftigungspolitik recht homogenen Massen; und
er konnte von der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage als ebenfalls einer im
wesentlichen homogenen Nachfrage reden. Dementsprechend zeichnete
Paul Samuelson einen Gleichgewichtsschnittpunkt von Gesamtnachfrage
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Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 2
        

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