Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

Mögliche Revitalisierungschancen
für die Gewerkschaften unter den Be-
dingungen des Krisenkorporatismus
präsentiert Urban für Deutschland. Da-
bei nimmt er institutionelle und mitglie-
derbasierte Machtquellen der Gewerk-
schaften in den Blick und leitet daraus
deren Strategieoptionen ab. Die Krise
hat den Gewerkschaften zwar neue in-
teressenpolitische Einflusskanäle und
Verhandlungsspielräume eröffnet (z. B.
Sozialpakt, Reform des Kurzarbeiter-
geldes, Tarifverträge zur Sicherung der
Beschäftigung), sie mussten aber im
Gegenzug häufig Zugeständnisse
machen (v. a. Lohnzurückhaltung, Ar-
beitszeitflexibilisierung). Außerdem
war die Reichweite der Tarifverträge
gegen die Krise auf hoch qualifizierte
Stammbelegschaften in der Industrie
begrenzt. Im ökonomischen Kontext
der Krise hatten sowohl Staat als auch
Arbeitgeber ein Interesse an der Ko-
operation mit den Gewerkschaften,
während das Interesse der Gewerk-
schaften an Sozialpakten auf einer –
kurzfristigen – Vermehrung der institu-
tionellen Ressourcen gründete. Aller-
dings verfügen die Gewerkschaften
nicht über jene Macht, die eine Durch-
setzung von Lohnsteigerungen und si-
cherer Beschäftigung ermöglicht. Der
Wandel des deutschen Arbeitsmarkt-
regimes hat die Möglichkeit einer soli-
darischen Lohnpolitik unterminiert (sie-
he auch Lehndorff). Doch auch der
„Schuldenstaat“ (Streeck [2013]), des-
sen Handlungsoptionen durch die ver-
stärkte fiskal- und wirtschaftspolitische
Steuerung der EU eingeschränkt sind,
hat im Krisenkorporatismus an Macht
verloren.
Die überzeugenden Analysen der
Autoren, die der Band präsentiert, las-
sen sich um eine weitere Schlussfolge-
rung ergänzen. Wie Urban feststellt,
erfordern die gegenwärtigen Entwick-
lungen der nationalen Modelle in Rich-
tung Neoliberalismus und die jüngsten
Reformen des Rahmens der Europäi-
schen Wirtschaftsregierung den Auf-
bau von Institutionen auf mehreren
Ebenen. Die Länderbeiträge fokussie-
ren vor allem auf mögliche Handlungs-
strategien der Gewerkschaften auf na-
tionaler Ebene. Die Rolle der Gewerk-
schaften bei der Schaffung europäi-
scher Institutionen zur tarifpolitischen
Koordinierung und des sozialen Di-
alogs bleibt dabei unterbelichtet. Vor
dem Hintergrund der Einseitigkeit der
wirtschaftspolitischen Steuerung auf
EU-Ebene, die mit den Zielen der
Schaffung von Wachstum und der Si-
cherung der sozialen Inklusion, wie sie
in der Europa-2020-Strategie formu-
liert sind, unvereinbar sind (siehe den
Beitrag von Leschke, Theodoropoulou
und Watt), könnten europäische und
nationale Gewerkschaften ein Gegen-
gewicht aufbauen. Das erfordert aller-
dings die Errichtung unterstützender
regulativer Institutionen durch die euro-
päischen politischen Akteure sowie
eine Korrektur der einseitig ausgaben-
orientierten wirtschafts- und fiskalpoliti-
schen Koordinierung in der EU.
Vera Glassner
Anmerkungen
1 Traxler (1995).
2 Vgl. Bohle und Greskovits (2012).
Literatur
Bohle, Dorothee; Greskovits, Béla, Capita-
list Diversity on Europe’s Periphery
(Ithaca, NY, 2012).
Crouch, Colin, Post-Democracy (Cam-
bridge 2004).
Crouch, Colin, The Strange Non-Death of
Neoliberalism (Cambridge 2011).
252
Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.