Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

muss: Ein Vor- oder Nachwort, eine
neu geschriebene Einleitung oder ähn-
liches, in dem auf die Unterschiede zur
ersten Auflage oder die neueren Ent-
wicklungen hingewiesen würde, sucht
man jedoch vergebens. Das ist ärger-
lich und völlig unnötig, denn tatsächlich
hat Davidson viele neueren Entwick-
lungen zur Kenntnis genommen und
verarbeitet: Ein neues Kapitel 9 „Finan-
cial markets, fast exits and great de-
pressions and recessions“ geht auf die
Deregulierung der Finanzmärkte, das
Problem des „Shadow banking“ und
die resultierenden Instabilitätsrisiken
der überbordenden Verschuldung der
privaten Haushalte in den USA ein. Mit
offensichtlicher Genugtuung zitiert Da-
vidson dort eine eigene Äußerung aus
dem Jahr 2004, in der er die ungeheu-
ren Risiken und das gigantische Kri-
senpotenzial im Finanzsystem korrekt
beschrieb. Aber auch sonst sind über-
all im gesamten Buch an vielen Stellen
Aktualisierungen vorgenommen und
ist neuere Literatur verarbeitet worden.
Davidson erweist sich im gesamten
Buch als hervorragender Interpret Key-
nes’, dem es wirklich gelingt, zentrale
Botschaften von Keynes und vor allem
die zentralen Unterschiede zur Main-
stream-Ökonomie herauszuarbeiten.
Allein schon die Lektüre des zweiten
Kapitels „The essential difference bet-
ween the general theory and the classi-
cal system“ ist – gerade für Studieren-
de oder PraktikerInnen, die im Main-
stream ausgebildet wurden – eine Of-
fenbarung. Davidson zeigt anschaulich
und schlüssig, warum Keynes seine
Theorie als die allgemeine Theorie, die
die klassische als Spezialfall enthält,
auffasste, und warum die in den Main-
stream-Lehrbüchern übliche Auffas-
sung, die die Keynes’sche Theorie zu
Spezialfällen in einem ansonsten neo-
klassisch geprägten System degra-
diert, unzutreffend ist. Äußerst hilfreich
für ein tieferes Verständnis ist der in
den folgenden Kapiteln detaillierter he-
rausgearbeitete Versuch einer axioma-
tischen Fundierung des Keynes’schen
Ansatzes, wodurch dieser gegenüber
dem ebenfalls axiomatisch operieren-
den Mainstream besser abgegrenzt
und gleichzeitig potenziell aufgewertet
werden kann.
Nach Davidson ist der Mainstream
durch drei Axiome charakterisiert, die
von Keynes explizit verworfen wurden:
die Neutralität des Geldes, das Substi-
tutionsaxiom, wonach letztlich alles
und jedes durch andere Dinge substi-
tuiert werden kann, und das Ergodizi-
tätsaxiom, wonach die Zukunft grund-
sätzlich auf Basis vergangener Erfah-
rungen und aktueller Daten vorhersag-
bar ist.
Dem stellt Davidson fünf wesentliche
Eigenschaften gegenüber, durch die
aus Keynes’scher Sicht die Wirklichkeit
geprägt sei (S. 17ff): 1. die kurz- wie
langfristige Nicht-Neutralität des Gel-
des; 2. Nicht-Ergodizität, d. h. die auch
im wahrscheinlichkeitstheoretischen
Sinne nicht vorhersehbare Zukunft und
damit fundamentale Unsicherheit, mit
der die Wirtschaftssubjekte konfron-
tiert sind; 3. die Verwendung von Geld
als allgemeinem Zahlungsmittel zur Er-
füllung vertraglicher Verpflichtungen;
4. die beiden besonderen Elastizitäts-
eigenschaften von Geld, nämlich die
Produktionselastizität von null und die
Substitutionselastizität gegenüber pro-
duzierbaren Gütern von null; 5. Ar-
beitslosigkeit als Normalfall in einer ka-
pitalistischen Geldökonomie und Voll-
beschäftigung als unwahrscheinlicher
Spezialfall: Die Wirtschaftssubjekte
halten rationalerweise Geld (Liquidi-
tät), um angesichts von fundamentaler
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39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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