Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

Autoren unterziehen sich den Mühen,
die bestehenden Widersprüche in
Theorie und Politik mit den Mitteln des
exploratorischen Diskurses aufzulösen
oder zumindest zu verringern.
Farmer ist einer der wenigen theore-
tischen Ökonomen, die ihre For-
schungstätigkeit nahezu ausschließ-
lich in den Dienst der exploratorischen
Überwindung dieses Schismas gestellt
haben. Seine aktuellen Buchpublika-
tionen stellen dies wiederum ein-
drucksvoll unter Beweis.
Sein Mantra ist banal-szientistisch:
Die „lähmende und ziemlich anödende
Glaubensspaltung“ in Theorie und Poli-
tik kann nur durch einen Grundkon-
sens über das Design eines, nämlich
DES ökonomischen Standardmodells
überwunden werden.
Er stellt sich damit der gleichen, gro-
ßen Herausforderung wie J. M. Keynes
vor knapp 80 Jahren, als dieser – ge-
schockt von den Folgen der Weltwirt-
schaftskrise – das Dogma der klassi-
schen Ökonomie: „Marktwirtschaften
sind im Allgemeinen gesamtwirtschaft-
lich effizient und bedürfen daher keiner
systematischen (d. h. über die Ord-
nungspolitik hinausgehenden) wirt-
schaftspolitischen Korrekturen“, nicht
nur hinterfragte, sondern als unerhebli-
chen Spezialfall (s)einer „General
Theory“ (GT) in die Schmuddelecke
der Theoriegeschichte verbannen woll-
te. Wie sich später herausstellte, hat
Keynes’ GT zwar das (neo)klassische
Theoriegebäude ins Wanken, aber
(Stichwort: neoklassische Synthese)
nicht endgültig zu Fall bringen können.
Farmer versucht nichts Geringeres
als das Opus Magnum von J. M. Key-
nes („The General Theory of Employ-
ment, Interest and Money“, GT) zu voll-
enden und das marktwirtschaftliche Ef-
fizienzpostulat endgültig und unwider-
ruflich zu destruieren. Er tut dies ähn-
lich wie Keynes (GT) mit den Mitteln
der allgemeinen Gleichgewichtstheorie
und nicht wie in den 1970er-Jahren na-
hezu eine halbe Ökonomengeneration
(stellvertretend dafür sei E. Malinvaud
erwähnt) mit den Mitteln der „Ungleich-
gewichtstheorie“, die letztlich u. a. ver-
höhnt von „R. E. Lucas und seinen
neoliberalen bzw. neu-keynesiani-
schen Freunden“ als „empty, free para-
meter-ridden, and untestable“ vom
Zentrum, wenn nicht zur Gänze, von
der akademischen Bildfläche ver-
schwunden ist (nicht ganz zu Unrecht,
wie ich meine). Farmer wendet sich
aber auch folgerichtig gegen die
„gleichgewichtszugewandten Neu-
Keynesianer“ – und damit gegen den
herrschenden Mainstream in Theorie
und Politik – und deren Missdeutung
der Keynes’schen Ökonomie (GT) als
„Neoklassik mit Sand im Getriebe“
(Stichwort: sticky prices). Farmer weist
zu Recht darauf hin, dass „sticky pri-
ces“ in der Keynes’schen Ökonomie
(GT) von eher peripherer Bedeutung
sind und weiß sich damit in sehr guter
Gesellschaft (z. B. in jener von A. Lei-
jonhufvud, seinem Professoren-Kol-
legen an der University of California,
Los Angeles; UCLA).
Farmer nimmt in EEP für sich (zu
Recht, wie ich meine) in Anspruch,
Keynes’ „General Theory“ zu „vollen-
den“, in dem er mit den Mitteln der mo-
dernen, dynamischen Gleichgewichts-
theorie zeigt, dass unregulierte Markt-
wirtschaften mit arbiträr hohen, bestän-
digen Arbeitslosenquoten tatsächlich,
wie von Keynes behauptet, der Regel-
zustand einer Marktwirtschaft im
Gleichgewicht ist und die (neo-) klassi-
sche Proposition einer Marktwirtschaft
mit (einer) sogenannten natürlichen Ar-
beitslosenquote der Ausnahmezu-
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39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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