Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

Die Vielfalt der Wirtschafts-
wissenschaften
Rezension von: Johannes Jäger, Elisabeth
Springler, Ökonomie der Internationalen
Entwicklung. Eine kritische Einführung
in die Volkswirtschaftslehre,
Mandelbaum Verlag, Wien 2012,
380 Seiten, broschiert, D 19,80.
ISBN 978-3-854-76386-4.
Wie Ökonomie verstanden und er-
klärt wird, hat weitreichende Implikatio-
nen. Dies zeigt sich deutlich an den un-
terschiedlichen Erklärungen der aktu-
ellen Wirtschaftskrise und den daraus
gezogenen Schlussfolgerungen und
Empfehlungen an die Wirtschaftspoli-
tik. Wird die Lösung in „mehr Markt,
weniger Staat“ gesehen oder ein mas-
sives Eingreifen des Staates gefordert,
wird der Kapitalismus als dysfunktiona-
les System gesehen oder als System,
dass besser reguliert werden muss?
Diese und weitere Fragen und vor al-
lem die realpolitischen Umsetzungen
der darauf gefundenen Antworten ha-
ben Auswirkungen auf die Lebenssi-
tuationen von Millionen Menschen.
Trotz ihrer anfänglichen Diskreditie-
rung haben es marktliberale, neoklas-
sische Erklärungsmuster und Hand-
lungsempfehlungen geschafft, ihre
Rolle als Mainstream in den Wirt-
schaftswissenschaften zu behaupten.
Auch nach fünf Jahren ökonomischer
Zerwürfnisse scheint Margret That-
chers Ausspruch „There is no alternati-
ve“ für viele korrekt zu sein. Ein einsei-
tiger, eingeschränkter Blickwinkel birgt
jedoch die Gefahr, dass – wie dies
etwa im Vorfeld der Finanzkrise der
Fall war – Problemstellungen schlicht
übersehen oder nicht als solche er-
kannt werden.
Vor diesem Hintergrund stellt das
vorliegende Buch eine willkommene
Abkehr von der etablierten Darstellung
ökonomischer Grundlagen dar. Die Au-
torInnen Johannes Jäger, Fachhoch-
schulprofessor für Volkswirtschaftsleh-
re, und Elisabeth Springler, Fachbe-
reichsleiterin für Volkswirtschaftslehre,
beide an der FH des bfi wien, stellen
dafür in umfangreicher Form drei zen-
trale Paradigmen der Wirtschaftswis-
senschaften gegenüber. Neben der
Neoklassik wird auf die Grundlagen
des Keynesianismus und der Politi-
schen Ökonomie eingegangen.
Das Ziel ihrer kritischen Einführung
in die Ökonomie ist es, „auf knappem
Raum unterschiedliche Sichtweisen
auf wirtschaftliche Zusammenhänge
darzulegen und damit die Basis für ein
differenziertes Verständnis von Öko-
nomie und wirtschaftspolitischen De-
batten zu liefern“ (S. 7). Die drei Para-
digmen sollen dabei möglichst nach-
vollziehbar und einfach dargestellt wer-
den, um für ein breites Publikum zu-
gänglich zu sein.
Den AutorInnen gelingt dies dank
des klaren Aufbaus des Buches ausge-
zeichnet. Anders als viele ökonomi-
sche Lehrbücher, die gleich damit be-
ginnen, Schritt für Schritt ihre Modelle
zu erklären, beginnt das vorliegende
mit einer Verortung der Paradigmen,
ehe zentrale ökonomische Themenfel-
der beleuchtet werden. „Die einzelnen
Paradigmen werden (dabei) parallel
dargestellt, sodass die grundsätzlichen
Perspektiven und Herangehensweisen
zu einzelnen Themenbereichen direkt
vergleichbar werden“ (S. 9)
Im ersten Kapitel werden die jeweili-
gen Zugänge zum ökonomischen Den-
ken dargestellt. Welche polit- und wirt-
263
39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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