Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

postuliert. Das Verhältnis der
Smith’schen Ethik zum „Wealth of Na-
tions“ ist nicht einfach zu bestimmen,
von manchen Autoren wurde ein Bruch
zwischen den beiden Hauptwerken
Smiths konstatiert.2 Zwar ist die Moral-
lehre der TMS nicht als notwendige
Fundierung des WN anzusehen, steht
aber auch nicht im Widerspruch dazu
(S. 37). Die Verfolgung seines Eigenin-
teresses durch das Individuum ist
zweifellos ein zentrales Motiv mensch-
lichen Handelns im WN, jedoch be-
nützt Smith „sowohl im WN als auch in
der TMS ein reiches Repertoire an Hy-
pothesen über Motive, psychologische
Bewertungsmechanismen, kognitive
Beschränkungen und Verzerrungen“
(S. 61).
Ein Problem, das den Gesellschafts-
theoretiker und Ethiker Smith in vielfa-
chem Kontext beschäftigte, war jenes
der nichtintendierten Konsequenzen
menschlichen Handelns. Unter morali-
schen Gesichtspunkten war seine
Theorie der unsichtbaren Hand im
Kontext seiner neuen Theorie der wirt-
schaftlichen Entwicklung eine positive
Alternative zu der von Smith abgelehn-
ten These Mandevilles, wonach Gier,
Hinterlist und Verschwendung gesamt-
wirtschaftlich vorteilhaft seien. Aber
deswegen „gilt keineswegs immer …,
dass die Verfolgung des Eigeninteres-
ses das Gemeinwohl befördert“ (S. 43).
Die fundamentale Einsicht, dass im-
mer mit nichtintendierten Folgen des
individuellen oder kollektiven Handelns
gerechnet werden muss, liegt auch
dem pragmatischen Politikverständnis
Smiths zugrunde. Grundsätzlich plä-
dierte Smith für ein Wirtschaftssystem
der „natürlichen Freiheit“ des Marktes
und des Wettbewerbs als Alternative
zum herrschenden Merkantilismus,
den er „Kommerzsystem“ nannte.
„Dass Smith zum zentralen Protago-
nisten des ökonomischen Liberalismus
wurde, hängt damit zusammen, dass
er schonungslose Kritik des herrschen-
den Merkantilsystems und der herr-
schenden Klassen mit zeitgemäßen
konstruktiven Perspektiven zu verbin-
den weiß“ (S. 36). In seinen Positionen
zu einzelnen konkreten Probleme der
damaligen Wirtschaftspolitik sehen
Kurz und Sturn Smith als „gemäßigten
Reformisten“, und nicht als Befürworter
radikaler Big Bang-Reformen (S. 43).
Deshalb hielt Smith temporäre Abwei-
chungen vom Freihandelsprinzip oder
von der Gewerbefreiheit dann für zu-
lässig, wenn dadurch negative Auswir-
kungen von Anpassungsprozessen
gemildert werden könnten.
Der Hauptteil der Monografie ist der
Darstellung von Smiths theoretischem
Lehrgebäude gewidmet. Ausführlich
wird auf die Werttheorie eingegangen.
Die Autoren zeigen, dass Smiths Ar-
beitswerttheorie als Antizipation der
späteren Ricardo’schen Surplustheo-
rie der Reduktion der Preise auf datier-
te Arbeitsmengen interpretiert werden
kann. Smith greift allerdings an ande-
ren Stellen wieder auf eine „naive“ Ar-
beitswerterklärung zurück, was nicht
zuletzt auch darin seinen Grund hat,
dass er seine Theorie im Kontext der
empirischen Realität expliziert und
nicht wie Ricardo und dessen Nachfol-
ger von dieser modellhaft von der Rea-
lität abstrahiert. Aufgezeigt werden
auch andere Schwachstellen von
Smiths Theoriegebäude, etwa am Bei-
spiel seiner Geldtheorie, der Grundren-
tentheorie oder der Theorie des ten-
denziellen Falls der Profitrate.
Besondere Bewunderung – trotz ih-
rer Beschränkungen – wird der Wachs-
tums- und Entwicklungstheorie Smiths
zuteil, die leider durch die später zu-
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39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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